Rezension Bänteli 2010

Kurt Bänteli, Erwin Eugster u. Andreas Heege, Hohenklingen ob Stein am Rhein (Schaffhauser Archäologie 8. Monographien der Kantonsarchäologie Schaffhausen (Schaffhausen 2010)

Rezension Bänteli 2010Die Forschungen und Bauuntersuchungen in den Jahren 2003-2007 auf der Burg Hohenklingen bei Schaffhausen bot Anlaß für die vorliegende, zweibändige Publikation. In Aufmachung und Umfang steht die von der Kantonsarchäologie Schaffhausen herausgegebene Monographie in der Tradition der vom Schweizerischen Burgenverein herausgegebenen Bände.

Das Werk soll hier nicht in seiner gesamten Vielschichtigkeit rezensiert werden. Vielmehr gilt das Augenmerk in Entsprechung zur Thematik der Website den von Andreas Heege erarbeiteten „Forschungen zur materiellen Kultur“ (Bd. 2, S. 7-214). Sowohl für die Neuzeit als auch für die Industriearchäologie wegbereitend beschränkt sich der Archäologie Heege nicht nur auf die frühen Nutzungszeiten, sondern legt, nach Materialgruppen säuberlich getrennt, sämtliche, bis ins 20. Jahrhundert reichende Funde vor. Daß er dabei bei der Fundansprache mitunter Referenzen aus Übersee anführen muß, zeigt einmal mehr, wie stiefmütterlich das Thema im geschichtsträchtigen Europa bislang behandelt wird.

Wie bereits in seiner gerne und häufig herangezogenen, 2002 erschienenen Monographie „Einbeck im Mittelalter. Eine archäologisch-historische Spurensuche“ wendet sich Andreas Heege nach einer knappen und übersichtlichen Befundansprache ausführlich den einzelnen Materialgruppen zu. Sämtliche Fundstücke werden in eine chronologische und formenkundliche Abfolge gebracht. Daß Andreas Heege weniger von der realienkundlichen denn von der archäologischen Seite kommt, zeigt sich schon darin, daß er bei aller Faszination für das Einzelstück niemals den Befundzusammenhang aus den Augen verliert. Nur wer sich über Jahre eingehend und außerordentlich zeitintensiv in einen solches Grabungskonvolut einarbeiten konnte, gerät nicht in Gefahr, bei der gut eine Turnhalle füllenden Fundmenge (S. 6) den Überblick zu verlieren. Wie gut er das seit Jahrzehnten zusammengetragene Fachwissen zu verknüpfen weiß, davon zeugt nicht nur der Text selbst sondern auch die 1535 Anmerkungen. Dabei möchte der interessierte Leser keine der Fußnoten missen. Die zwanzigseitige Bibliographie (S. 250-269) liest sich wie das aktuelle „Who ist who“ mittelalterlicher und neuzeitlicher Realienforschung. Gerade in Anbetracht der gigantischen, nicht aufgearbeiteten, mittelalterlichen und neuzeitlichen Grabungsfunde in den Depots von Museen und Denkmalämtern setzten die Ausführungen von Andreas Heege Standards.

Auch die Ofenkeramik wurde auf 38 Seiten übersichtlich und vorbildlich vorgelegt. Gleich zu Anfang fällt wohltuend auf, daß sich der Autor nicht in Ausführungen zum Forschungsstand verliert. Auch geht es Andreas Heege nicht darum, mittels des einem klar umrissenen Areal zuweisbaren Fundguts die Geschichte der schweizerischen oder gar der mitteleuropäischen Ofenkeramik abzuhandeln. Vergleichsbeispiele werden nur dann herangezogen, wenn sie zum Verständnis eines Kachelfragments unbedingt notwendig erscheinen. Jede der in sich untergliederten Fundgruppen wird nach einem gleichförmigen Schema behandelt: Auf eine grundlegende kurze Definition der Warenart folgt ein Absatz über den Befundzusammenhang. Einer detaillierten, vorbildlich ausformulierten, keramotechnischen Analyse sowie der durch Hinzuziehung von Vergleichsfunden gestützten Aufbereitung des Bildmotivs schließt sich eine in ähnlicher Weise strukturierte Annäherung an die Datierung der Hohenklinger Kacheln an. Gerade die angeführten Vergleiche zeigen, daß sich Andreas Heege bei seinen Recherchen in erster Linie auf schweizerische Forschungen stützt. Daß ihm ähnliche Entwicklungen im Elsaß oder im angrenzenden Südwestdeutschland verschlossen bleiben, hängt wohl hauptsächlich damit zusammen, daß diese Materialien als weitgehend unpubliziert gelten müssen. Wie notwendig eine solche Aufbereitung sein kann, dafür lieferte Julia Hallenkamp-Lumpe mit ihrer im Jahre 2006 publizierten Dissertation über die „Ofenkacheln in Westfalen Lippe (Studien zur Ofenkeramik des 12. bis 17. Jahrhunderts anhand von Bodenfunden aus Westfalen-Lippe. Mainz 2006)“ ein vielbeachtetes Beispiel.

Sicher kann man in Bezug auf die Terminologie bei einigen Begriffen durchaus geteilter Meinung sein, zumal der dafür erarbeitete Leitfaden leider immer noch nicht verfügbar ist. So ließe sich die „Blatteckkachel“ (S. 141) beispielsweise auch als „über Eck geführte Blattkachel“ ansprechen. Über „der“, „die“ oder „das“ Model (S. 134) ließe sich ebenfalls trefflich streiten.

Als hinderlich bei der Durchsicht des Beitrags erweist es sich, daß zahlreiche Abbildungen des Textteils letztlich nicht in die Druckversion übernommen wurden (Abb. 141, 143, 145, 147, 149, 151-153, 156, 159, 166-168). Man findet die im Text als „*Abb“. gekennzeichneten Abbildungen als Schwarzweißreproduktionen im Tafelteil sowie in mehr oder weniger guter Auflösung auf einer CD, welche dem Katalog dankenswerterweise beigegeben wurde. Im Fall der Kachel mit kleinen Diamantbossen (S. 127) ist der Leser allerdings völlig auf sein abstrahierendes Vorstellungsvermögen angewiesen, läßt sich doch aus dem Text nicht ersehen, ob oder an welcher Stelle die Kachel abgebildet wurde.

Die Erschließung der Ikonographie findet eher unter Vorbehalt statt. Damit entzieht sich der Autor der Gefahr, sich im Fabulieren zu verlieren. Bei der Deutung der Darstellungen auf den renaissancezeitlichen und frühbarocken Kachelreliefs hätten in mindestens zwei Fällen Vergleiche mit süd- und südwestdeutschem Material weitergeführt. So ist die als „Antike Heldin/Göttin/Kaiserin“ angesprochene Büste (S. 128) mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit als der römische Kaiser Nero umzuinterpretieren. Identische Darstellungen mit entsprechenden Umschriften finden sich auf dem Ofen im Hornzimmer der Veste Coburg ( Rosemarie Franz, Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus. (Graz 1969), 2.verb. u. verm. Aufl. (Graz 1981), Abb. 203). Weitere Kacheln stammen aus dem untermainischen Gerolzhofen (Hans Ramisch, Bodenfunde von Ofenkacheln des 16. und 17. Jahrhunderts aus Gerolzhofen, Landkreis Schweinfurt. Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege 34, 1980, 132-135). Im Falle von Gerolzhofen liegt sogar die Kombination von Nero mit Alexander dem Großen vor. Daß Andreas Heege in diesem Zusammenhang das zugrundeliegende Bildprogramm eindeutig geklärt haben will (S. 128), mag verwundern. Zwischen Alexander und Nero gibt es eigentlich keinen gemeinsamen Nenner. Es ist lediglich überliefert, daß Nero anläßlich seines geplanten Kaukasusfeldzugs eine neue Legion aufstellte, die er „Phalanx Alexanders des Großen“ nannte. Der Mittelalterrezeption antiker Persönlichkeiten folgend muß man eher davon ausgehen, daß hier zwei Antipoden in einer Ofenwandung vereint wurden, auf der einen Seite Alexander der Große als einer der „Neun Guten Helden“, ritterliche Ideale verkörpernd und auf der anderen Seite Nero als Inbegriff eines größenwahnsinnigen Tyrannen, der wegen seiner Rolle bei der Christenverfolgung oft auch als die Verkörperung des Antichristen angesehen wurde.

Das bei Heege angeführte Niederringen des babylonischen bzw. persischen Großreichs dürfte im Sinne der Darstellung der vier aufeinanderfolgenden Weltreiche keine Rolle gespielt haben. Hätte man diese auf dem Hohenklinger Ofen darstellen wollen, hätte man als Pendant zu Alexander auf den römischen Staatsmann Julius Cäsar zurückgreifen müssen. In diesem Fall hätte man eine Ikonographie vorweggenommen, die erst mehrere Jahrzehnte später, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, im Gefolge der Nürnberger Vest-Werkstatt in Kachelreliefs umgesetzt werden sollte. Apropos Datierung: Läßt sich bislang für die Nero-Büste keine graphische Vorlage finden, so kann man davon ausgehen, daß das Alexanderrelief nach einem 1577 gefertigten Holzschnitt von Tobias Stimmer gearbeitet wurde. Damit entfiel der durchaus vorsichtig vorgetragene Datierungsansatz in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Die Aufarbeitung der Kacheln mit den Allegorien der Tugenden (S.131-135) wirft beispielhaft und schlaglichtartig ein Licht auf eine Kachelfolge, die bereits von mehreren Bearbeitern in einem lokalen Kontext vorgestellt wurden. Andreas Heege ist es gelungen, den Forschungsstand weitgehend lückenlos aufzuzeigen. Leider blieben die Ausführungen des Rezensenten im Rahmen der Bearbeitung der Ofenkacheln aus Alpirsbach und der dortige Datierungsansatz unberücksichtigt ( Harald Rosmanitz, Die Ofenkacheln. Dutzendware als kulturgeschichtliches Dokument, In: Alpirsbach. Zur Geschichte von Kloster und Stadt. Stuttgart 2001, 888-890).

Eine letzte Betrachtung soll an dieser Stelle noch den Ofenkacheln aus dem Historismus gelten (S. 141). Es zeichnet den Autor aus, daß er diesen Stücken zumindest eine halbe Seite widmete. Allerdings bleiben dabei mehr Fragen offen als geklärt werden können. An was denkt der Autor beispielsweise, wenn er davon spricht, daß sich der Ofen „..aufgrund seiner Machart […] in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts datieren“ läßt? Ist damit der stark schamottehaltige Ton, die Industrieglasur oder die mit der Strangpresse gefertigte Zarge gemeint? Im Fundmaterial haben sich keine Ofenfüße dieses Kachelofens erhalten. Andreas Heege, schließt daraus, daß der Ofen entweder auf einem Sockel oder auf einem schmiedeeisernen Untergestell gestanden hätte. Seine These wirkt vor dem Hintergrund, daß für Südwest- und Süddeutschland eben für jene Epoche zahlreiche, aufwendig gearbeitete, keramische Ofenfüße überliefert sind, befremdlich (u.a. bei Sebastian Bock u. Lothar A. Böhler (Hg.), Bestandskatalog der weltlichen Ortsstiftungen der Stadt Freiburg i. Br. Band VI. Die Ofenkeramik. Spätmittelalter – 19. Jahrhundert. Leipzig 2004). Ein Blick in einen traditionell arbeitenden Ofenbaubetrieb zeigt, daß beim Abbruch solcher Öfen unversehrt geborgene Ofenteile nicht unbedingt zerschlagen und weggeworfen wurden. Sie wanderten vielmehr in das Ersatzteillager des Ofenbauers. Dies könnte unter Vorbehalt auch für die Füße jenes Ofens von der Burg Hohenklingen gelten.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Andreas Heege mit der Vorlage der Ofenkeramik vom Hohenklingen Maßstäbe gesetzt hat. Die hier kritisch beleuchteten Details dürften nur wenigen Fachleuten aufgefallen sein. Die absolut lohnenswerte Publikation ist eine wesentliche Bereicherung der Kachelliteratur, stellt neue Fakten und Herangehensweisen vor und regt nachhaltig zu weiteren Überlegungen an.

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2011