Rezension de Oude 2012

Ria de Oude-de Wolf und Herman Vrielink: Status & Comfort. Kacheltegels in Deventer en Zwolle (Zwolle 2012)

Rezension Ria de Oude 2012_DeckblattRia de Oude-de Wolf en Herman Vrielink, Cultuurhistorisch onderzoek naar kacheltegels uit de bodem van Deventer en Zwolle, 1375-1600. Stijve kaft, 723 pp. Incl CDrom. Rijk geïllustreerd. Spa-uitgevers 2012.

Wie wichtig die Aufarbeitung regionaler Kachelbestände sein kann, haben die in den letzten Jahren auf deutschsprachigem Gebiet erschienenen Arbeiten von Julia Hellenkamp-Lumpe, Guillaume Huot-Marschand und Frauke Witte gezeigt.1 Mit ihrer 773seitigen Monografie zu den Kacheln in Deventer und Zwolle konnten die beiden Autoren Ria de Oude-de Wolf und Herman Vrielink die Kachelforschung wesentlich voranbringen. Es ist ihnen gelungen, das Material einer Region zu bearbeiten und zu analysieren, die aus südwestdeutscher Sicht eher als Randregion wahrgenommen wird. Bislang hat uns zu diesem Themenkreis lediglich vor allem die Monografie des 2007 verstorbenen Berend Dubbe informiert.2

Auffallend bei der Durchsicht der Arbeit ist die gute Gliederung und die damit einhergehende Übersichtlichkeit. Dies erleichtert das Studium des Werkes auch für jene, die den reich bebilderten, 283seitigen niederländischen Textteil nicht in einem Stück durcharbeiten können. Besonders hilfreich für den Vergleich mit ähnlichen Materialien aus anderen Kachelregionen ist die dem Buch beiliegende DVD. Sie enthält als PDF den kompletten Katalogteil, und zwar mit Farbabbildungen, der auch gedruckt (S. 421–733, allerdings in Schwarz-Weiß) etwa die Hälfte der Monographie ausmacht. Die Vorlage der Einzelstücke auf DVD greift eine Tradition auf, die mit dem 2007 erschienenen Tagungsband unter Federführung von Kirsi Majantie ihren Ausgang nahm.3

Es ist nicht möglich, im Rahmen einer Rezension sämtliche Aspekte des Werkes im Einzelnen zu benennen und zu bewerten. Auffallend ist die kontinuierliche Beibehaltung der sich auch in der Gliederung andeutenden, klaren Strukturierung. Damit gelangt man schnell und zielsicher zu den Antworten der an die Arbeit gestellten Fragen.

Im Gegensatz zu Julia Hellenkamp-Lumpe geht es den Autoren nicht darum, ihr Material und dessen Einbindung in den Befundkontext bis in Detail hinein zu dokumentieren. Ria de Oude-de Wolf und Herman Vrielink erschlossen sich Ihr Fundgut nach alter, monteliusscher Manier und nutzten dies als Ausgangsbasis für sämtliche, weiterführende Untersuchungen. Auf der Suche nach Vergleichsstücken haben sie, wie man dem Literaturverzeichnis entnehmen kann (S. 275-283) durchaus nicht nur die Standardwerke der Kachelkunst zu Rate gezogen. Mit Hilfe von Vergleichsstücken und graphischen Vorlagen gelang es, die unscheinbaren Fundstücke zu Reliefs und Bilderfolgen zu ergänzen. Unter Hinzunahme des Kontextes von Aufstellungsort und Produktionsmilieu lassen sich die Stücke damit in einen übergeordneten Kontext einbinden. Sie werden nun ihrerseits Ausgangspunkt kulturgeschichtlicher Überlegungen. Diese beziehen, und das ist für eine Aufarbeitung von archäologischen Funden durchaus nicht Usus, auch Schriftquellen mit ein (S. 389-420).

Entscheidend ist, dass die Autoren, wie sie bereits im Vorwort herausstellen, eng mit der Hauptautorin und Herausgeberin des Kachelleitfadens, Eva Roth Heege zusammengearbeitet haben. Im Vorgriff auf die erst in der zweiten Jahreshälfte 2012 erscheinende Publikation wurde der Terminologieteil dieser Arbeit zumindest in Ausschnitten vorab publiziert (S. 315–323). Das hat die Autoren jedoch nicht davon abgehalten, diese Terminologie dem Material und Untersuchungsraum angemessen weiterzuentwickeln bzw. abzuändern.

Es ist schlichtweg unmöglich, dass eine so umfangreiche und breit angelegte Materialvorstellung keine Schwächen aufweist. Getrost sollte man darüber hinwegsehen, dass sich redaktionsbedingt Fehler eingeschlichen haben. So handelt es sich auf S. 286 „Kapitel 2 – Die Kacheln: Typologische Einteilung und Endwicklung“ natürlich um das Kapitel 1.

Schwächen sind vor allem dort festzustellen, wo bislang auch andernorts nur wenig Grundlagenarbeit geleistet wurde. Dies zeigt sich beispielhaft an der Bearbeitung der Nischenkacheln bzw. Halbzylinderkacheln vom Typ „Tannenberg“. Das bislang zu diesen Kacheln Publizierte ist entweder enttäuschend dürftig oder in Übersicht erst nach Fertigstellung des niederländischen Buches erschienen.4 Dennoch verwundert es, wenn man die Wappenschilde in den Zwickeln solcher Kacheln versucht, ortsansässigen Adelsgeschlechtern zuzuweisen (S. 91f.), konnte doch bereits Mielke zeigen, dass übereinstimmende Wappenbesätze auf Kacheln im Taunus eher ornamental denn streng heraldisch zu deuten sind.5

Bei dem Bemühen um die zeichnerische Rekonstruktion eines aus solchen Kacheln bestehenden Ofens legte der Autor seiner Idee lediglich den 1493 erschienenen Holzschnitt von Peter Drach zu Grunde. Dabei datiert er diese Kacheln selbst in die Zeit von 1375 bis 1450. Unabhängig von der Tatsache, dass eine Datierung solcher Formen nach 1450 aufgrund des Aufkommen von Halbzylinderkacheln mit Kielbogen mehr als angezweifelt werden darf,6 hätte den Autoren ein Blick in die Arbeit von Antje Kluge-Pinsker zu den Nischenkacheln vom Hof Goldstein bei Frankfurt a. Main genügt, um eine Vorstellung über den mit Nischenkacheln vom Typ Tannenberg besetzten Oberofen zu erhalten.7 Dort sind die Kacheln in versetzt zueinander angeordneten, nach oben immer schmaler werdenden, zylindrischen Polygonen übereinander gestaffelt. Das weitgehende Fehlen von über Eck geführten Nischenkacheln dieser Art lässt vermuten, dass der Feuerkasten mit anderen Kacheln besetzt war. Einer ersten Analyse des Fundguts aus dem Taunus und Untermain durch den Rezensenten dürfte der Feuerkasten eines solchen Ofens entweder mit nicht reliefierten Napf- oder Topfkacheln besetzt gewesen sein.

Sicher hätte ein intensiverer Abgleich beispielsweise mit süd- und südwestdeutschen Ofenkacheln durchaus noch die Ansprache und die Einordung des einen oder anderen Fragments ermöglicht. So handelt es sich bei Kat. Nr. 190 ( S. 571) um die Darstellung eines Narren, der bereits mehrfach publiziert wurde.8 Eine nochmalige Motivrecherche hätte allerdings das Erscheinen des Buches hinausgezögert. Bleibt der anzuerkennende Mut zur Lücke.

Ein letzter Wertmutstropfen ist die Übernahme von Vergleichsabbildungen aus Publikationen und aus dem Wold Wide Web. Beides ist grundsätzlich statthaft. Die Autoren tragen auch für die Nennung ihrer Bildquellen Sorge. Allerdings wäre es von Vorteil gewesen, wenn beispielsweise der Betreiber der Website www.furnologia.de von entsprechenden Übernahmen vorab in Kenntnis gesetzt worden wäre.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass mit der Aufarbeitung der Kachelbestände von Deventer und Zwolle den Nutzern ein Material zugänglich gemacht wurde, das uns über das Kauf- und Nutzverhalten einer Region in Kenntnis setzt, die zumindest für die Spätgotik und die Renaissance nicht als formgebend in Erscheinung trat. Innovationen erfolgten, wie zahlreiche Forschungen zu in Deventer und Zwolle ausgegrabenen, keramischen Importen zeigen, von Deutschland kommend über das Flusssystem des Rheins. Unter diesen Vorgaben ist das Spannungsverhältnis von Formenschneider (Designer), Hafner und Endverbraucher wesentlich weniger komplex und in sich verwoben als beispielsweise in Südwestdeutschland.

Es wäre zu wünschen, dass die Arbeit als Vorbild künftiger Regionalerfassungen dient. Für ein Fachbuch leicht lesbar, reich bebildert und mit Vergleichsobjekten ausgestattet und im Katalogteil – bis auf das häufige Fehlen der Abmessungen der Stücke – vorbildlich strukturiert, gibt das Buch gemeinsam mit seiner DVD eine Marge an, die nur noch mit Mühe zu toppen ist.

Weiterführende Literatur:

Berend Dubbe (1966): De kacheloven in onze gewesten. Lochem: De Tijdstroom.
Rosemarie Franz (1981): Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus. 2. verb. u. verm. Aufl. Graz.
Gerald Volker Grimm (2009): Brühler Ofenkacheln aus dem Mittelalter. Mit einem Beitrag zur Datierung und zur Entwicklung der Verkleidungen vom Typus Burg Tannenberg. In: Bonner Jahrbücher 209, S. 215–238.
Julia Hallenkamp-Lumpe (2006): Studien zur Ofenkeramik des 12. bis 17. Jahrhunderts anhand von Bodenfunden aus Westfalen-Lippe. 1. Aufl. Mainz: Zabern (Denkmalpflege und Forschung in Westfalen, 42).
Eva Heller-Karneth u. Harald Rosmanitz (1990): Alzeyer Kachelkunst der Renaissance und des Barock. Ausstellung 18.08. – 30.9.1990 im Museum der Stadt Alzey. Alzey.
Guillaume Huot-Marchand (2006): La céramique de poêle en Lorraine au Moyen Age et au début de l’époque moderne. Haroué: Louis.
Antje Kluge-Pinsker (1986): Der befestigte Hof Goldstein bei Frankfurt a. M. – Niederrad. Von seine Anfängen bis zur Zerstörung im Jahre 1552. In: Egon Wamers (Hg.): Frankfurter Beiträge zur Mittelalter-Archäologie I. Mit Untersuchungen zu frühmittelalterlichen Funden aus Mainz, zur Justinuskirche in Frankfurt am Main-Höchst und zur Burg Goldstein in Frankfurt am Main-Niederrad. Bonn: Habelt, S. 117–248.
Kirsi Majantie (Hg.) (2007): Ruukkuja ja ruhtinaita. Pots and princes = Fat och furstar : Saviastioita ja uunikaakeleita ajalta 1400-1700 = Ceramic vessels and stove tiles from 1400-1700 = Lerkärl och ugnskakel fråm 1400-1700. Turku: Aboa Vetus & Ars Nova (Archaeologia Medii aevi finlandiae, 12).
Heinz-Peter Mielke (1976/77): Zur Typologie und Datierung gotischer Nischenkacheln mit dem Mainzer Rad. In: Mainzer Zeitschrift (71/72), S. 150–157.
Astrif Schmitt-Böhringer (2008): Burg Tannenberg bei Seeheim-Jugenheim, Lkr. Darmstadt-Dieburg. Eine spätmittelalterliche Ganerbenburg im Licht der archäologischen Funde. Bonn: Habelt (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, 151).
Konrad Strauss (1983): Die Kachelkunst des 15. bis 17. Jahrhunderts in europäischen Ländern. III. Teil. München: Heydenreich.
Frauke Witte u.Kristin E. Gebhardt (Hgg.) (2003): Archäologie in Flensburg. Ausgrabungen am Franziskanerkloster. Flensburg: Ges. für Flensb

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2012

  1. Hallenkamp-Lumpe 2006; Huot-Marchand 2006; Witte und Gebhardt 2003.
  2. Dubbe 1966.
  3. Majantie 2007.
  4. Schmitt-Böhringer 2008; Grimm 2009.
  5. Mielke 1976/77.
  6. Grimm 2009, S. 221f.
  7. Kluge-Pinsker 1986
  8. Franz 1981, Abb. 257; Strauss 1983, Taf. 137.4; Heller-Karneth und Rosmanitz 1990, S. 18f., Abb. 1.