Rezension Gruia 2013

Ana-Maria Gruia:
Povestiri la gura sobei. Catalogul selectiv al colecţiei de cahle a Muzeului naţional al Transilvaniei.
Cluj-Napoca 2012

Rezension Gruia 2013Das 119 Seiten starke, von Paraschiva-Victoria Batariuc erstmals rezensierte Heft1 gibt einen Überblick über die Bandbreite der Ofenkachelbestände des transsilvanischen Nationalmuseums für Geschichte Cluj (Klausenburg). Für die inhaltliche Gestaltung zeichnet Ana-Maria Gruia verantwortlich. Im Gegensatz zu den meisten ihrer seit 2005 bislang erschienenen Publikationen, 13 an der Zahl, wurde der Katalog durchgehend in rumänischer Sprache verfasst. Er erschließt sich dem zentraleuropäischen Leser damit in erster Linie über die durchgängig farbig abgebildete Ofenkeramik. Gewöhnungsbedürftig ist das Layout. Als Hintergrund für die freigestellten Kacheln wählte man einen stark vergrößerten Ausschnitt eines Formentuchs bzw. des Abdrucks desselben. Der dadurch unruhige Hintergrund wirkt sich beim Betrachten der Kacheln störend aus. Die Kacheln selbst hätten in dem vorgegebenen Format durchaus etwas größer abgebildet werden können. Platz dafür ist ausreichend vorhanden.

Die Autorin verweilt nur kurz bei der Charakterisierung der Sammlung (S. 4-5). Die Sammlungsgeschichte wird dabei eher pauschal abgehandelt. Ein Verweis auf die bei der Objektvorstellung mehrfach als Provenienez angeführte Sammlung Adolf Resch fehlt. In ihrer Einleitung (S. 6-14) gibt uns die Autorin eine Stilgeschichte des Kachelofen, wie wir ihm in einem solchen für die Allgemeinheit gedachten Werk erwarten dürfen. Bereits hier wird die „rumänische“ Perspektive auf das Thema deutlich. Eine Verbreitungskarte (S. 8, Fig. 1) ist alleine schon aufgrund der dort vorgegebenen Pauschalisierung der Ausbreitung des Kachelofens überarbeitenswert. Die Kachelverbreitung schließt sowohl die baltischen Staaten als auch Dänemark aus. Dagegen wird für das 15. bis 17. Jahrhundert der Südosten Englands als Kachelregion kartiert. Für die Funktionsweise eines Becherkachelofens steht eine Schemazeichnung (S. 12, Fig. 6), welche Matthias Untermann vor nunmehr mehr als zwanzig Jahren als Deutungsversuch seiner Grabungsbefunde anfertigen ließ.2 Analysen vergleichbarer Befunde sprechen eher gegen dieses mixtum compositum aus Warmluftheizung und Kachelofen. Es ist eher wahrscheinlich, dass nach Aufgabe der Warmluftheizung an derselben Stelle ein Kachelofen errichtet wurde. Gruia übernimmt nicht nur die Zeichnung. Sie behält auch den energetisch an dieser Stelle höchst problematischen und keinesfalls befundgesicherten Rauchabzug im Oberofen bei. Es wäre wünschenswert, mindestens aber wissenschaftlich korrekt, anlässlich der Neupublikation einer nur marginal veränderten Rekonstruktionszeichnung auf die Originalpublikation zu verweisen. In der Literaturliste sucht man danach vergeblich.

Einem kurzen Kapitel zur Formentwicklung der Kacheln im Stile von Sune Amrosiani und Rosemarie Franz (S. 15-18) folgt ein etwas ausführlicheres Kapitel zur Kachelherstellung (S. 19-24). Dabei verweist die Autorin explizit auf die 3-D-Erfassung dieser Materialgattung (S. 22, Anm. V). Die dafür essentielle Publikation von Eva Roth Heege wird nicht erwähnt.3 Dies könnte daraus resultieren, dass beide Werke etwa gleichzeitig ediert wurden. So etwas entbindet die Autorin jedoch nicht des Blicks über den Tellerrand hinaus. Zu verweisen wäre beispielsweise auf die umfangreiche und sehr eingängige Darstellung bei Frauke Witte.4

Den Hauptteil der Publikation nimmt der Katalogteil ein (S. 25-112). Die Stücke werden dabei in chronologischer Abfolge vorgestellt. Der Reigen der Kachel reicht vom 15. bis ins 20. Jahrhundert. Der ordentlich strukturierten und konsequent durchgehaltenen Kurzbeschreibung folgt ein meist einseitiger Text, in dem das Stück in einen regionalen und auch überregionalen Kontext gesetzt und ikonographisch gedeutet wird. Naturgemäß dominieren Verweise auf rumänische und ungarische Vergleiche. In der erstmalig so umfangreichen farbigen Vorstellung des Materials liegt die Stärke der Monographie, die künftig in einem Zug mit der 1999 erschienene Arbeit von Horst Klusch genannt werden wird.5 Neben den engen Verbindungen der spätgotischen Kacheln mit den damals höchst qualitative und repräsentative Öfen erzeugenden Hafnern des ungarischen Königshauses wird das seit der Renaissance immer deutlicher spürbare Abgleiten ins Volkstümliche erkennbar. Ein schönes Beispiel dafür ist die auf dem Cover dargestellte Blattkachel mit der Büste eines Soldaten (S. 47-49, Kat. Nr. 9). Die möglicherweise auf Graphiken von Virgil Solis zurückgehende Darstellung wird von Gruia treffen in das Umfeld der Nürnberger Werkstätten gestellt. Dass es sich auch bei dem in der Folge abgebildeten Stück (S. 50-51, Kat. Nr. 10) um eine stark vereinfachte Kachel mit Rosenmotiv Nürnberger Art handelt, welche über Mähren ihren Weg bis nach Rumänien fand,6 wurde hingegen nicht erkannt. Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts gelangten im Bodenseeraum entwickelte Kachelreliefs bis nach Rumänien. Dies wird an der Serie der stehenden Musikantinnen deutlich (S. 69-37. Kat. Nr. 17). Das in der Kachelforschung seit Konrad Strauss hinlänglich bekannte Motiv7 wird in ein Rahmenwerk aus grobschlächtigen, stark plastisch vortretenden, mit Früchten besetzten Festons eingestellt und damit der damals gebräuchlichen rumänischen Formensprache angeglichen. Ana Maria Gruia setzt die Vorstellung der Ofenkeramiken mit Hilfe der folgenden Kacheln bis ins 20. Jahrhundert fort. Sie präsentiert damit ein Material, dem die Mittelalter- und Neuzeitarchäologie nur wenig Beachtung schenkt und das sowohl die Kunstgeschichte als auch die Volkskunde heute gänzlich unbeachtet lässt. Dabei bleiben so interessante Objekte unberücksichtigt wie die im Jahre 1786 gefertigte, grün glasierte Kachel mit dem Zifferblatt einer Uhr (S. 90-91, Kat. Nr. 25). Schade nur, dass die Autorin sich nicht die Mühe gemacht hat, sämtliche, um die Uhr eingeritzten Inschriften zu entziffern.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass mit der Monografie aus der Feder von Ana Maria Gruia ein weiterer, wichtiger Baustein für die Erfassung des Phänomens der Ofenkeramik vorliegt. Die im Layout und der Druckqualität überzeugende Publikation gibt eine Fülle von Details um besten. Besonders spannend ist der in der chronologischen Reihung erkennbare und vergleichbar früh erfolgte Umschwung ins Volkstümliche. Mit solchen Materialvorlagen wird es gelingen, dass die „klassischen“ Kachelforscher, Archäologen, Kunsthistoriker, Volkskundler und nicht zuletzt die Keramiker gemeinsam Modelle entwickeln, aus denen heraus sich in der Grauzone der Disziplinen eine Fülle neuer und überraschender Erkenntnisse generieren lässt.

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2013

  1. http://www.medievistica.ro/pagini/tribuna/recenzii/texte/Gruia-povestiri/povestiri.html
  2. Untermann, Matthias (1991): Kloster Mariental in Steinheim an der Murr. Römisches Bad, Grafenhof, Kloster. Stuttgart: Theiss (Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg, 13), S. 86, Abb. 49
  3. Roth Heege, Eva (Hg.) (2012): Ofenkeramik und Kachelofen. Typologie, Terminologie und Rekonstruktion im deutschsprachigen Raum. Basel: Schweizerischer Burgenverein (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters, 39)
  4. Witte, Frauke; Gebhardt, Kristin E. (Hg.) (2003): Archäologie in Flensburg. Ausgrabungen am Franziskanerkloster. Flensburg: Ges. für Flensburger Stadtgeschichte (Schriftenreihe der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte e.V, 57)
  5. Klusch, Horst (1999): Zauber alter Kacheln aus Rumänien. Sibiu: Ed. Imago
  6. Platz, Kai Thomas (2000): Hilpoltstein vom Frühmittelalter bis zur frühen Neuzeit. Archäologische baugeschichtliche und historische Aspekte zur Entwicklung einer mittelfränkischen Burg und Stadt. Büchenbach: Faustus (Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands, 12), Taf. 77; Jordánková, Hana; Loskotová, Irena; Merta, David (2004): Odraz domácí války v produkci brněnských kamnářů druhé poloviny 15. století. [Widerspiegelung des Heimkrieges in der Produktion der Brünner Ofensetzer in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts]. In: Archaeologia historica 29, S. 581–597, bes. S. 581
  7. Strauss, Konrad (1972): Die Kachelkunst des 15. und 16. Jahrhunderts in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Skandinavien. II. Teil. Basel, Taf. 153-161