Rezension Kiss/ Spekner/ Vegh 2018

Virág Kiss, Enikő Spekner, András Végh (Hg.),
Szívmelengető középkor. Kályhák és kályhacsempék a középkori Magyarországon, 14-16.század,
Budapest 2018

320 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen, ISBN 978-615-5341-60-1

Wenn ein Kachelforscher einen Wunsch frei hätte, so würde er sich für sämtliche Staaten Mitteleuropas ein solches Werk wünschen! In dem Buch verdichtet sich eine mehr als 70-jährige Beschäftigung mit hochwertigen reliefierten Ofenkacheln vom 14. Jahrhundert bis in das erste Drittel des 16. Jahrhunderts. Unter der Ägide des Historischen Museums Budapest (Budapesti Történeti Múzeum) wurde ein Ausstellungskatalog vorgelegt, in dem sich die wichtigsten Werke ungarischer Kachelkunst in bester Aufnahmequalität ein Stelldichein geben. Bislang meist nur in schwarz-weiß und oft in ungenügender Qualität publiziert, runden sie die tiefgründigen Rechercheergebnisse eines Imre Holl, einer Judit Tamási, eines Péter Boldiszár und einer Edit Kocsis ab. Eva Roth Heege aus der Schweiz setzt die ungarischen Kacheln in einen gesamteuropäischen Kontext.

Das einzige Manko dieses überzeugenden Œuvres ist, dass es vollständig auf Ungarisch verfasst wurde. Damit entziehen sich die Informationen, sofern man diese nicht über eine Texterkennung erschließen und über google translate in radebrechendes Deutsch übersetzen lässt, dem fremdsprachigen Leser fast vollständig. Dieser Aspekt relativiert sich, wenn man sich vor Augen hält, dass mit der Vorstellung der ungarischen Kacheln ein nationales Erbe der Öffentlichkeit präsentiert wird. Für das heutige Selbstverständnis des Landes ist die Burg im Buda genauso von zentraler Bedeutung wie die darin aufgestellten Ofenrekonstruktionen. Als integraler Bestandteil der Sichtbarmachung einer Epoche, in der Ungarn kulturell eine Führungsrolle im europäischen Mächtespiel zukam, kommt solchen Artefakten aus ein geradezu reliquienhafter Wert zu. Schon lange bevor Matthias Corvinus (reg. 1458 bis 1490) den Kaisertitel anstrebte, brüstete man sich auf dem Schloss in Visegrád seiner Kachelöfen. Der Zusammenbruch diese Herrlichkeit nach der Schlacht von Mohásc im Jahre 1526 hinterließ eine große Lücke. Sie spiegelt sich auch in der Publikation wieder. Die an den Zentren der spätgotischen Kunst orientierten Regenten und Kleriker mussten sich dem islamischen Bildverbot beugen. Das schnelle Wiederaufgreifen nach dem Entsatz von Wien zeigt in aller Deutlichkeit, wie tief verwurzelt der reliefierte Kachelofen in Ungarn war.

Es bleibt anzumerken, dass dem Katalog, vor allem aber auch der Ausstellung, die vom 11. April bis 02. September 2018 im Burgmuseum in Budapest zu sehen war, in Fachkreisen leider nicht die Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die ihr eigentlich hätte zukommen sollen. Hoffentlich wird dieses vorbildliche Werk, zu dem es bislang lediglich das Pendant von Rudolf Schnyder für die Züricher Kacheln gibt,1 als Ansporn dafür gesehen wird, sich auch in anderen Ländern mit Kacheltraditionen einer solchen Leistungsschau zu widmen. Der ein Jahr später gezeigte Werkstattabfall des in Prag tätigen Adam Špačk 2 im Museum der Hauptstadt Prag (Muzeum hlavního města Prahy) vom 15. Mai 2019 – 29. März 2020 konnte aufgrund seiner Beschränkung auf eine Werkstatt in einer böhmischen Stadt leider nicht die Wirkmächtigkeit entfalten, wie das dem Œuvre aus Budapest zu eigen ist.

Nicht unberücksichtigt bleiben sollte der Aspekt, dass es mit dem Budapester Katalog gelang, eine Materialgruppe auch für den Nicht-Spezialisten interessant aufzubereiten. Gerade in Zeiten, in denen Stück für Stück selbst die größten Meisterwerke des Kunsthandwerks in Sammlungen wie dem Schweizerischen Landesmuseum oder dem Museum für Angewandte Kunst in Wien auf Nimmerwiedersehen in den Depots verschwinden, entspricht ein solches Vorgehen nicht dem Mainstream. Hoffen wir, dass sich Nachahmer finden.

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2020


 Anmerkungen:

  1. Rudolf Schnyder, Ofenkeramik des 14./15. Jahrhunderts. Meisterwerke mittelalterlicher Kunst aus Zürich, (Ausstellungs-Begleitheft. Schweizerisches Landesmuseum) Zürich 1992; Rudolf Schnyder, Mittelalterliche Ofenkeramik. Bd. 2: Der Züricher Bestand in den Sammlungen des Schweizerischen Nationalmuseums, Zürich 2011.
  2. Jaromír Žegklitz, Miroslava Šmolíková, Pro kamna ke Špačkovi. Kachle a kamnářství v renesanční Praze, Praha 2019.