Rezension Majewski 2015

Marcin Majewski
Renesansowe kafle zachodniopomorskie. Studium z historii ogrzewania wnętrz mieszkalnych.
[Westpommersche Renaissancekacheln. Studie zur Geschichte der Beheizung der Wohnräume]
Stargard/Szczecin 2015.

Rezension Majewski 2015

Die Beschäftigung mit der polnischen Ofenkeramik kann auf eine lange Tradition zurückblicken. In den letzten Jahrzehnten bemüht man sich zumindest punktuell darum, die Regionalbestände ganzheitlich aufzuarbeiten. Besonders hervorzuheben sind die Arbeiten von Katarzyna Dymek und Barbara Pospieszna.[1] Als dritte Arbeit in diesem Kontext wäre die 2015 erschienene Monographie von Marcin Majewski zu benennen, die im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen stehen soll. Majewski, Mitarbeiter des archäologisch-historischen Museums in Stargrad, fasst in dem Buch die Ergebnisse seiner 2005 begonnenen Studien zu diesem Material zusammen.[2]

Das 333 Seiten starke Oeuve überzeugt, ähnlich wie die 2013 von Barbara Pospieszna verfasste Monografie, schon in seiner Gesamtheit. In dem handlichen Format von 24,0 x 17,0 cm in Hardcover finden sich die zahlreichen Aspekte des Themas übersichtlich strukturiert und in einem gefälligen Layout gesetzt. Auf grundlegende Überlegungen zur Ofenkeramik in Hinterpommern (S. 9-22) und Überlegungen zum Kachelofenstandort im Befund (S.23-35) folgen Gedanken zu den verschiedenen, teilweise miteinander kombinierten Heizsystemen „Warmluftheizung“, „Kamin“ und „Kachelofen“ (S. 37-62). Gedanken zur Kachelfertigung und zum Kachelhandel (S. 63-78) schließen sich typologische Studien zu den einzelnen Kacheltypen an (S. 79-125). Den größten Teil der Abhandlung ist der Motivanalyse vorbehalten (S. 127-239). Wie viel Zeit und Arbeit in die Aufbereitung des Materials gesteckt wurde, zeigt unter anderem die Literaturliste (S. 259-306). Sie kann ohne Wenn und Aber als aktuelle Bibliographie der polnischen Kachelforschung gelten und ist dabei deutlich detaillierter als eine vergleichbare Auflistung in der polnischen Website zur Kachelforschung.[3] An das, abgesehen von den durchweg zweisprachigen Bildunterschriften in Polnisch und Deutsch, durchgehend in Polnisch verfasste Werk schließen sich eine umfangreiche deutsche und englische Zusammenfassung der Ergebnisse an (S. 307-333). Kapitelüberschriften und Verweise auf die entsprechenden polnischsprachigen Kapitel hätten das Ganze für den fremdsprachigen Nutzer um Weiten übersichtlicher und verständlicher gemacht. Auch bleibt uns der Autor in den besagten Zusammenfassungen die Antwort schuldig, in welchem Rahmen und aus welchen Beweggründen er vorliegende Arbeit verfasst hat.

In seiner Gliederung gleicht sich das Kachelbuch von Marcin Majewski wohltuend an ähnliche, in den letzten Jahren erschienen Studien zu diesem Thema an. Die Ausführungen des Autors werden immer wieder, insbesondere im ikonographischen Teil, durch detaillierte Verbreitungskarten bereichert. Die Grunddaten zu diesen Karten bleibt uns der Autor allerdings schuldig.[4] Sicher beruht ein Gutteil seiner Kartierung auf seiner Sichtung des mehr als 16.000 Fragmente umfassenden Fundguts in Museen und Denkmalämtern. Der Interessierte, der die Kartierungen weiter ausbauen und mit eigenem Material ergänzen möchte, kann dies jedoch in dem für ihn notwendigen Schärfe selbst nicht oder nur ungenügend nachvollziehen. So hängt der Aussagewert eines Kachelfragments bezüglich seiner Kartierung entscheidend von der seiner Provenienz ab. Es bedarf also in jedem Einzelfall einer quellenkritischen Aufdeckung und Dokumentation der jeweiligen Herkunftsgeschichte. Noch hilfreicher wäre die Kategorisierung solcher Fundumstände in Produzent und Verbraucher. Dies lässt sich am Beispiel der Verbreitung der Serie der zwölf biblischen Helden und Tyrannen nach Erhard Schoen (S. 132-137) verdeutlichen: Die von Majewski und Rysz entworfene Karte (S. 136, Abb. V.6) wird von dem Autor als Bildpropaganda im Umgriff der „Angst vor der türkischen Unterdrückung“ interpretiert[5]. Eine solchermaßen geartete Korrelation der Bildinterpretation mittels der von Majewski vorgelegten Verbreitungskarte sollte vor diesem Hintergrund nochmals überdacht werden, zeigt doch eine Kartierung unter Einbeziehung von FurnArch unter Berücksichtigung weiterer, der Fachliteratur entnommener Fundpunkte, dass auch in von der „Türkenfurcht“ weniger betroffene Regionen wie beispielsweise Süddeutschland dieses Motiv flächendeckend vorhanden war

Natürlich kann man von keinem Autor erwarten, dass er die in zahlreichen Fremdsprachen verfassten Publikationen zu diesem Thema in Gänze durchdringen kann. So musste sich der Rezensent bei dem an dieser Stelle besprochenen Werkes primär auf die deutsch- und englischsprachige Zusammenfassung stützen, die stellenweise Verständnis- und Formulierungsschwächen aufweist, wie wir sie von computergenerierten Übersetzungen her kennen. Auch ist es unumgänglich, sich auf die Angaben in den Altpublikationen zu verlassen. Auf welch glattes Eis man sich hier begibt, wird am Beispiel des Kachelofens mit den alttestamentarischen Helden/Tyrannen vom Schlösschen Aicholding bei Riedenburg in der Oberpfalz ersichtlich. Von Torsten Gebhard 1983 vorgestellte Kachelofen[6] findet sowohl Eingang in die Verbreitungskarten bei Ieva Ose[7] als auch bei Marcin Majewski. Yves Hoffmann führt den polychromen Kachelofen 1993 als prominenten Vertreter dieser Motivgruppe auf.[8] Bei genauerer Betrachtung spricht allerdings einiges dafür, dass der Aichholdinger Kachelofen ähnlich wie Öfen Nürnberger Art im Schloss Elisabethenburg oder im Melanchthonhaus in Wittenberg erst im Historismus dem Bauensemble beigestellt wurde. Für die Fertigung solcher Ofennachbauten zeichneten Firmen wie die in Nürnberg ansässigen Unternehmen Hausleitner & Eisenbeis oder C. W. Fleischmann verantwortlich. Die zeitgemäße Abformtechnik unter Zuhilfenahme von Gipsmodeln erlaubte des den Gestaltern und Fabrikanten an der Wende von 19. zum 20. Jahrhundert, lineare Strukturen als solche ohne Verzüge umzusetzen. Dies fand in den Kanten der nun exakt passgenauen, glatten Rahmen ebenso seinen Niederschlag wie bei der das Innenfeld rahmenden Arkaden.

Auf der Verbreitungskarte von Majewski und Rysz wird das südthüringische Meiningen als Fundpunkt aufgeführt. Die Bezugnahme auf ein Kachelrelief auf einem polychromen Renaissanceofen, der heute in den Meininger Museen aufgestellt ist, scheint offensichtlich zu sein. Andrea Jacob weist in ihrem 1999 dazu erschienenen Aufsatz das südthüringische Saalfelden als Herkunftsort für die Kachel nach[9]. Das Fragment einer Kachel aus der Serie der zwölf biblischen Helden und Tyrannen aus dem nahen Schmalkalden bleibt hingegen bei Majewski und Rysz unberücksichtigt[10].

Es sind diese kleinen Unschärfen, die das Haar in einer ansonsten durchweg positiv zu beurteilenden, ja zu bejubelnden Materialvorstellung ausmachen. So hat sich in die Aufstellung der überraschend wenigen Kachelmodelfragmente (S. 69, Abb. III.5) auch ein Stück eingeschlichen (S. 69, Abb. III.5.2), das aufgrund seiner Dimensionierung eher zur Fertigung von Baukeramik gedient haben dürfte. Es wäre darüber hinaus wünschenswert gewesen, die neuen Medien in deutlich stärkerem Maße einzubinden. Dies gilt in gleichem Maße für kafle.iaepan.edu.pl als auch für das deutsche Gegenstück furnologia.de. Durch entsprechende Verweise im Fußnotenteil hätte man beispielsweise die zur Verfügung stehenden Informationen über eine Blattkachel mit dem Bildnis von Kaiser Ferdinand I. (S. 207, Abb. V.77) [11] oder zur Serie der sitzenden freien Künste nach Pencz (S. 165-167)[12] durchaus jeweils in einen größeren Kontext setzen können.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Marcin Majewski mit seinen Ausführungen zu den hinterpommerschen Kacheln ein Werk veröffentlicht hat, welches in jeder Form gelungen ist. Übersichtlich gestaltet, gut strukturiert und strukturell durchdacht bis hin zur Vorstellung von Motivgruppen liegt nun eine Materialvorlage renaissancezeitlicher und frühbarocker, reliefierter Ofenkeramik vor, wie wir sie uns auch für viele andere Regionen Europas wünschen. Majewski ist der Versuchung nicht unterlegen, sich in seiner Materialfülle zu verlieren. Er zieht den Katalogteil gleichsam in die einzelnen Themenbereiche vor. Auf diesem Wege hat Marcin Majewski ein Standardwerk geschaffen, das vor allem für die angrenzenden baltischen Staaten, für Mecklenburg-Vorpommern, für Brandenburg aber auch für Sachsen für weitere Forschungen richtungsweisend und grundlegend sein wird.

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2015


Anmerkungen

[1] Katarzyna Dymek, Średinowieczne i renesansowe kafle śłaskie. [Medieval and renaissance stove tiles from Silezia], Wrocław 1995; Barbara Pospieszna, Kafle i piece kaflowe w zbiorach Muzeum Zamkowego w Malborku, Malbork 2013.

[2] Beata Bielec-Maciejewska, Beata, Najstarsze kafle z Torunia. [The oldest tiles from Toruń], in: Archaeologia Historica Polona 19 (2011), S. 155–160; Marcin Majewski, Kafle doby fryderycjańskiej w materiale z interwencyjnych badań archeologicznych na terenie Starego Miasta w Stargardzi. [Kacheln aus Friederich´schen Zeiten im bei invertierten archäologischen Untersuchungen auf dem Gelände der Altstadt von Starograd (Stargard) gefundenen Material], in: Mirosław Fudziński, Henryk Panera (Hg.), XIV Sesja Pomorzoznawcza. Vol. 2. Od Wczesnego Średniowiecza do Czasów Nowoźytnych, Gdańsk 2005, S. 405–410; Marcin Majewski, Alegoria – religia – władza. Renesansowe kafle stargardzkie i ich wzory ikonograficzne. [Allegory – religion -authority. Renaissance tiles from Stargard and their iconographic patterns], in: Maria Dąbrowska, Halina Karwowska (Hg.), Średniowieczne i nowożytne kafle. Regionalizm – podobieństwa – różnice, Białystok 2007, S. 71–78; Marcin Majewski, Kafle z XVI-XVII wieku z badań na Starym Mieście w Stargardzie (2001-2004). Tematyka wyobrażeń – wzory graficzne – kierunki importu. [Stove tiles from the 16th and 17th centuries in the old town in Stargard (2001-2004). Concepts – graphic patterns – import directions], in: Grażyna Nawrolska (Hg.), XV Sesja Pomorzoznawcza. Materiały z konferencji, Elbląg 2007, S. 417–430; Marcin Majewski, Pierwowzór graficzny dekoracji kafli piecowych z około 1620 r. z badań archeologicznych na Starym Mieście w Stargardzie. [Die graphische Vorlage fuer Ofenkacheldekorationen um 1620 aus den archäologischen Unetrsuchungen der Stargarder Altstadt], in: Aliny Jaszewskiej, Arkadiusza Michalaka (Hg.), Ogień – żywioł ujarzmiony i nieujarzmiony, VI Polsko-Niemieckie Spotkania Archeologiczne,, Ziekona Góra 2011, S. 465–474; Marcin Majewski, Renesansowe kafle zachodniopomorskie. Studium z historii ogrzewania wnętrz mieszkalnych. [Westpommersche Renaissancekacheln. Studie zur Geschichte der Beheizung der Wohnräume], Stargard/Szczecin 2015.

[3] http://www.kafle.iaepan.edu.pl/index.php/bibligrafia/

[4] Diese Auflistung hätte man an jener Stelle platzieren können, an der die polnischsprachigen Bildunterschriften im Rahmen eines Abbildungsverzeichnisses (ohne Bildnachweis) nochmals aufgelistete wurden (S. 247-256).

[5] Zit. Majewski 2015, S.318.

[6] Torsten Gebhard, Kachelöfen. Mittelpunkt häuslichen Lebens ; Entwicklung, Form, Technik, München 1980, S. 76-79, Abb. 63-67.

[7] Ieva Ose, Entdeckung einer Kachelserie des 16. Jahrhunderts: “Die zwölf sieghaften Helden des Alten Testamentes” in Lettland, in: Keramos. Zeitschrift der Gesellschaft der Keramikfreunde e.V. Düsseldorf (1992), S. 52, Abb. 8.

[8] Yves Hoffmann, Zu einigen graphischen Vorlagen der Mittweidaer Ofenkacheln. Ein Nachtrag, in: Wolfgang Schwabenicky (Hg.), Steinmetzzeichen – Knochen – Kacheln. Forschungsberichte aus den Landkreisen Hainichen und Rochlitz (Veröffentlichungen der Kreisarbeitsstelle für Bodendenkmalpflege Mittweida Bd. 3), Mittweida 1993, S. 40.

[9] Andrea Jakob, Ein Saalfelder Kachelofen aus der Reformationszeit, in: Südthüringer Forschungen. Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte (1999), S. 6-29.

[10] Harald Rosmanitz, Vom Fragment zum Kunstwerk. Ofenkacheln von der Salzbrücke, in: Mathias Seidel, Almut Siller (Hg.), Unter dem Pflaster. Stadtarchäologie in Schmalkalden, Meiningen 2011, S. 58, Abb. 4.

[11] http://furnologia.de/galerie/galerie-kaiser-ferdinand-aus-altdahn/

[12] http://furnologia.de/galerie/galerie-eine-kachel-aus-der-serie-der-freien-kuenste-nach-pencz-aus-sinsheim/