Rezension Miloš u.a. 1998

Stanislav Miloš, Pavel Michna u. Hedvika Sedláčková, Pozdněgotické a renesanční kachle ze zámku v Hranicích. Late gothic and renaissance tiles from the Hranice chateau, Hranicích 1998

50 Seiten mit Farbeinband, Texte in Tschechisch und Englisch, ISBN 80-902104-4-9

In den letzten Jahren erfreut sich, angeregt durch zahlreiche Neufunde, die Ofen­keramik in all ihren Facetten bei Publikationen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit zunehmenden Interesses. Dabei ist die Fülle aufwendig ausgestatteter und umfangreicher Publikationen aus Böhmen, Lettland, Polen, Rumänien, Slowakei und Ungarn fast kaum mehr zu überblicken.1 Einer der Gründe für das schon vor mehr als hundert Jahren einsetzende massiven Publikationstätigkeit auf diesem Gebiet dürfte sicher in der Findung der nationalen Identität zu suchen sein. So erstaunt es kaum, dass die unterschiedlichen Regime der letzten fünfzig Jahre diesem Forschungseifer keinen Abbruch getan haben. Leider beschränken sich die Veröffentlichungen in den meisten Fällen auf die Vorlage archäologischen Fundgutes, zeichnen ein Dichtefeld, das – in Unkenntnis der Depots der Denkmalämter in Deutschland und Österreich – für eine Massierung dieses Fundguts im Osten Europas spricht. Schweizer Archäologen und Kunsthistoriker wie Eva Roth aus Bern konnten mit der Vorlage ihres Materials zumindest darauf hinweisen, dass die Ofenkeramik ein das gesamte Mitteleuropa gleichmäßig durchziehendes Phänomen ist.

Anlass für die von der Stadt Hranic zusammen mit dem Denkmalsamt in Olomouce herausgegebenen Publikation war der Wiederaufbau des Schlosses und dessen Nutzung als Kulturzentrum. Für vorliegende 55seitige Bändchen von Stanislav Miloš, Pavel Michna und Hedvika Sedláčková wählte man den bisher singulären Weg einer Loseblattsammlung.2 Eingebettet in eine Hülle mit Farbabbildungen des Großteils der im Innenteil als Zeichnungen vorgestellten Kacheln erweist sich diese Art der Materialvorlage insbesondere beim Vergleich der einzelnen Stücke miteinander als ungemein praktisch. Mit seinen 25 Blättern geht das Werk allerdings an die Grenzen der Handhabbarkeit und schließt damit vergleichbares für umfassendere Materialvorlagen weitgehend aus.

Unter dem dreiköpfigen Autorenteam ist Pavel J. Michna hervorzuheben, der sich bereits in zahlreichen Aufsätzen mit gotischen Ofenkacheln beschäftigt hat.3 Er zeichnet auch für den zusammenfassenden Bericht verantwortlich, der die Kacheln aus Hranice in einen über die Analyse des Einzelstücks hinausgehenden Gesamtzusammenhang stellt (S. 7-12). Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Analyse der Wappen und der Inschriften, in deren Auftreten er einen wesentlichen sozialen Indikator für den adeligen Hausstand sieht. Hier wäre ein Abgleich mit zeitgenössischen innerstädtischen Kachelfunden beziehungsweise aus dem näheren Umfeld der Burg wünschenswert, legen doch die entsprechenden Befunde aus Südwestdeutschland nahe, dass die Ansprache der Ofenkacheln als sozialer Indikator spätestens in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erheblich an verbindlicher Schärfe verliert.4 Wie bereits in seinem Aufsatz aus dem Jahre 19745 verbindet Michna das vorliegende Bildprogramm mit dem zwischen 1454 und 1457 entstandenen Ritterofen von der Burg in Buda, wobei die dort von Imre Holl vorgenommene Rekonstruktion6 auf er Grundlage von archäologischem Fundgut nicht als Option sondern als unumstößliche Tatsache vorgegeben wird. Dieser Ofen gilt zurecht als „the cream of Late Gothic pottery-making in central Europe“ (zit. S. 16). Betrachtet man die Bandbreite und Verbreitungswege der Bildmotive auf den Vorsatzblättern von Ofenkacheln, kann die Präsenz zwar An­lass für die Errichtung eines solchen Ofens gebildet haben. Sicher jedoch war der Ritterofen aus Buda für das Bildprogramm der Kacheln von Hranice keinesfalls ver­bindlich. Eine wesentliche Rolle für die Motivwahl dürfte dort schon eher der Model­bestand des Kacheltöpfers gespielt haben, den Michna im unmittelbaren Umfeld zur Burg ansiedelt. An dieser Stelle erwartet der Leser der englischsprachigen Zusam­menfassung nach der ikonographischen Analyse eine zeitliche Gruppierung der Stücke in eine spätgotische und eine renaissancezeitlich-barocke Phase,7 wobei die erstere in sich möglicherweise nochmals unterteilt werden kann. Diese fehlt jedoch ebenso wie die Zuordnung der Kacheln zu bestimmten Öfen. Eine Verzahnung mit den Ergebnis­sen der Baufoschungen von Stanislav Miroš (S. 4-6) fehlt ebenso wie der Hinweis auf Befundzusammenhänge und der weiterführende Anmerkungs- und Literaturteil.

Wie interessant das Kachelmaterial aus Hranice ist, zeigen die nur im Detail verschie­denartigen Kacheln mit dem heiligen Augustinus (Kat. Nr. 17/18). Auch sie werden im Text nur unter ikonographischen Gesichtspunkten behandelt. Zudem spricht man die Kachel Kat. Nr. 18 als Nachformung an und verweist in diesem Zusammenhang auf erhebliche Qualitätsverluste. Der erste Eindruckt täuscht! Insbesondere die leben­dige Modellierung des Gewandes, das bei der letztgenannten Kachel bis an die Unter­kante des rahmenden Vierpass reicht in Kombination mit der außerordentlich lebendi­gen Löwendarstellung erinnert an meisterhafte Übernahmen der graphischen Vorlagen des oberrheinischen Meisters E. S., wie sie im Ofen in der Goldenen Stube auf der Festung Hohensalzberg ihren unbestrittenen Höhepunkt erreichten.8 Diese lebendige Darstellung wurde am Übergang von der Gotik zur Renaissance in eine von geometri­schen Grundsätzen geprägten Bildaufbau übernommen (Kat. Nr. 17), dem nun jedoch alle Lebendigkeit genommen ist. Das Auftreten beider Typen im gleichen Kontext lässt darauf schließen, dass man anlässlich einer Ofenreparatur mit der wesentlich star­reren Nachbildung ein vergleichbares, schadhaft gewordenes Stück ersetzte. Es sei dahingestellt, ob der Töpfer jedoch eigens dafür ein neues Model herstellte.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es sich bei der Vorstellung der Kacheln aus Hranice in erster Line um eine vorbildliche Materialvorlage handelt, deren Analyse je­doch noch weitgehend aussteht. Wichtig ist die exemplarische und großzügige Vor­lage der Einzelstücke in Zeichnung und Schnitt mit Maßstab sowie mit einer präg­nanten und alle wesentlichen Angaben enthaltenden Kurzbeschreibung. In Verbindung mit den Fotos auf dem Cover bleiben damit für den künftigen Bearbeiter kaum Fragen offen, die einer erneuten Durchsicht des Originalmaterials bedürfen. Eine Anregung für künftige Bearbeiter ist die Hinterlegung von Fragmenten mit einem grauen Hinter­grund, der uns Auskunft über die ursprüngliche Dimension und die Platzierung des Fragments im Kachelkörper selbst gibt. Durch die zweisprachige Anlage der gesamten Texte wird das Werk über die Region hinaus der Wissenschaft zugänglich gemacht. Dass dabei das Englische gewählt wurde, ist im Zeichen des Austausches innerhalb des Global Village mehr als notwendig.

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2004

  1. Horst Klusch, Zauber alter Kacheln aus Rumänien (Sibiu 1999); Ieva Ose, Podinu krasnis Kurzemes un Zemgales pilis 15. gs. beigas – 18. gs. Sakums (Kachelöfen der Burgen Kurlands und Semgallens. Ende des 15. – Anfang des 18. Jahrhunderts) (Riga 1996); Judit Tamási, Verwandte Typen im schweizerischen und ungari­schen Kachelfundmaterial in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Vergleichsuntersuchungen zu den Werk­stattbeziehungen zwischen dem oberrheinischen Raum und Ungarn. (Müvészettörténet-Müemlékvédelem VIII) (Budapest 1995), ausführlich rezensiert in Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 25/26, 1997/98, 230-232; Zdenek Hazlbauer, Krasá středověkych kamen. Odraz náboženských idejí v českém uměleckém řemesle (Die Schönheit der mittelalterlichen Kachelöfen. Reflexion religiöser Ideen im böhmischen Kunstgewerbe) (Prag 1998).
  2. Vergleichbar ist lediglich die Bildersammlung von Adalbert Roeper u. Hans Bösch, Sammlung von Öfen in allen Stilarten vom XVI. bis Anfang des XIX. Jahrhunderts. (Leipzig 1895, 2. Auflage).
  3. Gotický kachl z Brna, Gottwaldovy ulice c. 107 (Fund einer gotischen Kachel in Brno, Gottwald-Strasse Nr. 107). Vlastivedný Vestník Moravský 21, 1969, 160-161; Funde der ungarisch-böhmischen Gruppe spätgoti­scher Kacheln in Mähren. Acta Archaeologica Carpathica 12, 1971, 249-259; Príspevek historické archeologie k dejinám tzv. Královskéhi domu v Brne (Ein Beitrag der historischen Archäologie zur Geschichte des soge­nannten Königshauses in Brünn). Vlastivedny vestník moravsky 24, 1972, 264-271; Archäologische Nachweise der mährisch-ungarischen Beziehungen im 15. Jahrhundert. Folia Archaeologica 25, 1974, 179-203; Melická skupina gotickych kachlu. Ustav Teorie s Dejin Umení 24, 1976, 148-158; K vyvojové a typologické charakte­ristice moravskych stredovekych kachlu (Zur Entwicklung und typologischen Charakterisierung der mähri­schen mittelalterlichen Keramik). Sbornik památkové péce v Severomoravykém Kraji 3, 1977, 7-44; Gotická kachlová kamna z hradu Melic na Vyskovsku. Pokus o rekonstrukci (Ein gotischer Kachelofen aus Burg Melice in der Wischnauer Gegend (Versuch einer Rekonstruktion)). Archaeologia Historica 6, 1981, 333-360; Goti­sche Kacheln aus Burg Melice in Mähren. Budapest Régiségei XXVI, 1984, 87-110.
  4. So wurden die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der in der Pliensauer Strasse 9-11in Esslingen (Baden-Württemberg) gefertigten Kacheln nachweislich nicht nur auf Adelssitzen sondern im gesamten Stadt­gebiet in Kachelöfen eingebaut (Harald Rosmanitz, Esslingen als Zentrum spätgotischer Kachelproduktion. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1994, 295-299).
  5. Archäologische Nachweise der mährisch-ungarischen Beziehungen im 15. Jahrhundert. Folia Archaeologica 25, 1974, 179-203.
  6. Imre Holl, Középkori Kályhacsempék Magyarországon I. (Mittelalterliche Ofenkacheln in Ungarn I. Werkstät­ten der höfischen Zentren und ihr Einfluß auf die Töpferei der Provinz. 14. bis Mitte des 15. Jahrhun­derts). Budapest Regiségei 18, 1958, 211-300; Alte ungarische Ofenkacheln (Budapest 1963).
  7. Vorschlag des Rezensenten: Spätgotische Phase (Nr. 01 – 06 – 15, 18 – 22, 24 – 25, 29); Renaissancephase (Nr. 17, 23, 26 – 28, 30 – 33).
  8. Alfred Walcher von Molthein, Der gotische Ofen auf der Veste Hohensalzburg, seine vermutliche Herkunft und ähnliche Arbeiten in Österreich. Kunst und Kunsthandwerk 8, 1904, 232-243; Max Lehrs, Vom Meister E.S. und von Ofenkacheln. Cicerone 3, 1911, 615-617; Herbert Nagel, Es ist ein lustig Ding zu sehen eine Frau und einen Ofen in der Stube. Keramische Zeitschrift 8, 1956, 220-223; Rosemarie Franz-Berdau, Graphische Vorlagen zu den Kachelreliefs des Ofens auf der Hohensalzburg. Keramos 5, 1961, 3-12; Gotischer Ofen in der „Goldenen Stube“ auf der Feste Hohensalzburg. Keramische Zeitschrift 22, 1970, 579;Friederike Prodinger, Der Ofen in der goldenen Stube der Hohensalzburg. Alte und Moderne Kunst 17, 1972, 1-5.