Galerie: Eine Leistenkachel mit Karytaidenpfeiler aus Alpirsbach

Aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammt das braun glasierte Fragment einer schmalen Leistenkachel mit Karyatide. Die Glasur wirkt fast schwarz, da sie ohne Engobe direkt auf den dunkelrot brennenden Ton aufgetragen wurde1. Mit der braunen Oberfläche glich man den keramischen Oberofen an einen aus gußeisernen Platten bestehenden Feuerkasten an. Die teueren Platten erwiesen sich gegenüber der Keramik als wesentlich haltbarer und wartungsfreundlicher. Aus Kosten- und Gewichtsgründen war es jedoch in den meisten Fällen nicht möglich, den gesamten Ofen aus gußeisernen Platten zusammenzusetzen. Außerdem hätte man bei einem Eisenofen auf einen Großteil des gerade für die Renaissance und den Frühbarock charakteristischen plastischen Dekors und auf die auskragenden Gesimse verzichten müssen.

Von der schmalen, hochrechteckigen Leistenkachel aus Alpirsbach hat sich nur noch die obere Hälfte erhalten. Sie zeigt den Oberkörper einer armlosen, unbekleideten Frau. Um ihre Taille liegt ein breiter Gürtel, der auf seiner Vorderseite einen kreisförmigen Bereich frei läßt. Über dem Kopf erkennt man eine Konsole. Sie trägt ein ionisches Kapitell mit breiten Voluten. Ein Vergleichsbeispiel aus Ettlingen zeigt, daß es sich bei dem tropfenförmigen Gebilde unterhalb des Gürtels um einem Fratze handelt, die der Figur vorgeblendet war. Sie leitete zu einem sich nach unten verjüngenden Pfeiler über.

Hermen und Karyatiden ersetzten in der Renaissance und im Frühbarock auf Werken der Kachelkunst die weniger dekorativen Pfeiler oder Säulen. Als Versatzstücke fanden sie bei der Ausschmückung von Arkaden Verwendung. Der Aufbau der Figuren ist zeitgenössischen Architekturtraktaten entnommen, wie der im Jahre 1593 in Straßburg veröffentlichten Säulenordnung von Wendel Dietterlin2. Darin wird in Anlehnung an die Ausführungen von Vitruv die Säule von der menschlichen Gestalt abgeleitet. Die Tragefiguren treten häufig paarweise in der Rahmenarchitektur großformatiger Blattkacheln auf3. Bei der Gestaltung solcher Hermen und Karyatiden waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Die Figuren können Arme besitzen, ihr Unterleib kann in Form eines Pfeilers, eines Fischleibs oder als blattbesetzte Volute gebildet sein. Eine häufig verwendete Variante sind armlose Wächter, wie sie beispielsweise von der Rahmen der oberrheinischen Apostelfolge bekannt sind. Die Ausbildung des Motivs als eigenständige Eckkachel4 ist ebenso möglich wie die Verwendung des Dekors für schmale Leistenkacheln5.

Die Leistenkacheln befanden sich ursprünglich zu beiden Seiten von großflächigen Blattkacheln. Der Vergleich mit der Ettlinger Eckkachel gibt für das Alpirsbacher Fragment eine Höhe von fünfundzwanzig bis vierzig Zentimetern an. Die Leistenkacheln, die nur durch dünne Stege auf ihren Rückseiten mit dem Ofenkörper verbunden waren, ragten in den Rahmen der großformatigen Blattkacheln hinein. Die Einbindung solcher funktional unbedeutender Ofenteile resultiert aus der Auffassung des Ofens als in sich geschlossene architektonische Einheit. Solche Leistenkacheln erweckten zumindest rein optisch den Eindruck, als würden sie in den durch horizontale Halbstäbe voneinander getrennten Zeilen das abschließende Gesims tragen6. Sie bildeten zusammen mit den Eckkacheln und den Gesimskacheln ein übergeordnetes Gliederungssystem, das der Rahmenarchitektur auf den Blattkacheln vorgelagert war und durch Verkröpfungen des Gebälks zusätzlich betont werden konnte.

Wie ein Beispiel aus den Sammlungen der Nassauischen Altertümer in Wiesbaden zeigt, wurden entsprechende Leistenkacheln in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts besonders gerne für polychrome rheinländische Öfen verwendet7. Das Stück unterscheidet sich in seiner Grundform kaum vom dem Alpirsbacher Fragment. Der lebendigen, detaillierten Gestaltung des Reliefs auf der mittelrheinischen Leistenkachel steht jedoch eine teigige, streng symmetrische Bildkomposition entgegen, die etwas unbeholfen wirkt. Die Unterschiede liegen nicht nur in einem spürbaren Qualitätsverlust. Auf dem Alpirsbacher Stück erkennt man die Auswirkungen eines geänderten Formempfindens. Die Figur ist im Gegensatz zu ihren renaissancezeitlichen Vorbildern von frühbarocken Gestaltungselementen geprägt. Zumindest stilistisch dazwischen steht eine weitere Leistenkachel, die sich heute ebenfalls in Wiesbaden befindet. Noch in der Tradition der rheinischen Ofenkacheln aus der Renaissance stehend, die in der Töpferei in der Großen Greifengasse in Speyer ihr oberrheinisches Gegenstück hat, weist der Bildaufbau bereits deutliche Züge des für den Frankfurter Raum typischen spätmanieristischen Stils auf.

Eine Datierung der Alpirsbacher Kachel gelingt mit Hilfe von zwei Eckkacheln aus Esslingen und Ettlingen. Die motivgleichen Reliefs aus der Allmandgasse in Esslingen und aus der Alten Markthalle in Ettlingen sind von einer breiten, mehrfach abgestuften Laibung gerahmt. Ein grundlegender Unterschied zu dem braun glasierten Fragment aus Alpirsbach besteht darin, daß man bei den Eckkacheln den figürlich verzierten Teil weit plastischer ausbilden konnte als auf der Leistenkachel. Die Kachel aus Esslingen stammt aus einem Ofen aus dem Ende des 17. Jahrhunderts. Die Ettlinger Eckkachel lag als Halbfabrikat in einer Töpferei, die im Jahre 1689 in Verlaufe des Pfälzischen Erbfolgekrieges niederbrannte8. Obwohl das entsprechende Model fehlt, zeigen ungebrannte Reliefs dieser Art aus dem gleichen Kontext, daß man in der Ettlinger Werkstatt zu diesem Zeitpunkt entsprechende Kacheln herstellte. Die Leistenkachel aus Alpirsbacher steht formal noch in der Tradition der renaissancezeitlichen rheinischen Werkstätten, greift jedoch auf Gestaltungsmittel zurück, wie sie in den formgebenden Hafnereien Südwestdeutschlands in der Mitte des 17. Jahrhunderts üblich waren.


Fragment einer Leistenkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske, dunkelbarun galsiert, 17. Jh., H. 11,0 cm, Br. 5,5 cm, Rastatt, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Zentrales Fundarchiv, urspr. Alpirsbach, Kloster
Fragment einer Leistenkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske
dunkelbarun galsiert, 17. Jh., H. 11,0 cm, Br. 5,5 cm

Rastatt, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Zentrales Fundarchiv, urspr. Alpirsbach, Kloster
Fragment einer Leistenkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske, dunkelbarun galsiert, 17. Jh., H. 11,0 cm, Br. 5,5 cm, Rastatt, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Zentrales Fundarchiv, urspr. Alpirsbach, Kloster
Fragment einer Eckkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske, graphitiert, 17. Jh., H. 15,0 cm, Br. 9,0 cm, Rastatt, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Zentrales Fundarchiv, urspr. Ettlingen, Allmandgasse
Fragment einer Eckkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske
graphitiert, 17. Jh., H. 15,0 cm, Br. 9,0 cm

Rastatt, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Zentrales Fundarchiv, urspr. Ettlingen, Allmandgasse
Fragment einer Eckkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske, graphitiert, 17. Jh., H. 15,0 cm, Br. 9,0 cm, Rastatt, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Zentrales Fundarchiv, urspr. Ettlingen, Allmandgasse
Fragment einer Eckkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske, unglasiert, 17. Jh., H. 5,0 cm, Br. 6,7 cm, Frankfurt a. M., Historisches Museum
Fragment einer Eckkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske
unglasiert, 17. Jh., H. 5,0 cm, Br. 6,7 cm

Frankfurt a. M., Historisches Museum
Fragment einer Eckkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske, unglasiert, 17. Jh., H. 5,0 cm, Br. 6,7 cm, Frankfurt a. M., Historisches Museum
Fragment einer Eckkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske, unglasiert, Ettlingen, 1689 Ettlingen, Albgaumuseum, urspr. Ettlingen, Alte Markthalle
Fragment einer Eckkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske
unglasiert, Ettlingen, 1689

Ettlingen, Albgaumuseum, urspr. Ettlingen, Alte Markthalle
Fragment einer Eckkachel mit Karyatidenpfeiler über quasthaltender Maske, unglasiert, Ettlingen, 1689 Ettlingen, Albgaumuseum, urspr. Ettlingen, Alte Markthalle
Fragment einer Leistenkachel mit Hermenpfeiler mit bärtigem, stehendem Mann, graphitiert, Südwestdeutschland, Ende 16. Jh. H. 17,0 cm, Br. 4,5 cm, Wiesbaden, Sammlung Nassauische Altertümer
Fragment einer Leistenkachel mit Hermenpfeiler mit bärtigem, stehendem Mann
graphitiert, Südwestdeutschland, Ende 16. Jh. H. 17,0 cm, Br. 4,5 cm

Wiesbaden, Sammlung Nassauische Altertümer
Fragment einer Leistenkachel mit Hermenpfeiler mit bärtigem, stehendem Mann, graphitiert, Südwestdeutschland, Ende 16. Jh. H. 17,0 cm, Br. 4,5 cm, Wiesbaden, Sammlung Nassauische Altertümer
Fragment einer Leistenkachel mit bärtigem, stehendem Mann, einen früchtebesetzten Korb auf seinem Kopf haltend, polychrom glasiert, Köln, 16. Jahrhundert, H. 31,5 cm, Br. 4,5 cm, Wiesbaden, Sammlung Nassauische Altertümer
Fragment einer Leistenkachel mit bärtigem, stehendem Mann, einen früchtebesetzten Korb auf seinem Kopf haltend
polychrom glasiert, Köln, 16. Jahrhundert, H. 31,5 cm, Br. 4,5 cm

Wiesbaden, Sammlung Nassauische Altertümer
Fragment einer Leistenkachel mit bärtigem, stehendem Mann, einen früchtebesetzten Korb auf seinem Kopf haltend, polychrom glasiert, Köln, 16. Jahrhundert, H. 31,5 cm, Br. 4,5 cm, Wiesbaden, Sammlung Nassauische Altertümer


Weiterführende Literatur:

Sibylle Appuhn-Radtke u. Eva Kayser, Keramik. In: Die Renaissance im deutschen Südwesten zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg. (Karlsruhe 1986) Bd.II, S. 845-884, bes Kat.-Nr. S16-S45.
Hans-Gert Bachmann u. Hans-Peter Mielke, Grün- und Schwarzglasuren auf neuzeitlichen Ofenkacheln. Untersuchung und Reproduktion. Berichte der deutschen keramischen Gesellschaft 55, 1978, S. 5-6.
Rosemarie Franz, Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus, 2. verbesserte und vermehrte Auflage, Graz 1981.
G. Ulrich Großmann (Hg.), Renaissance im Weserraum. Bd. I, Katalog. Schriften des Weserrenaissance-Museums Schloß Brake 1 (München/Berlin 1989).
Eva Heller-Karneth u. Harald Rosmanitz, Alzeyer Kachelkunst der Renaissance und des Barock, Alzey 1990.
Hans-Werner Peine u. Julia Hallenkamp-Lumpe, Forschungen zu Haus Horst in Gelsenkirchen. Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Öfen, (Denkmalpflege und Forschung in Westfalen) Mainz 2009.
Rita de Oude-de Wolf u. Herman Vrielink, Status & Comfort. Kacheltegels in Deventer en Zwolle, Zwolle 2012.
Kirsten Remky, Ofenkacheln und Model aus der Sammlung des Suermandt-Ludwig-Museum Aachen. Ein Beitrag zur Geschichte der Ofenkeramik von der Spätromanik bis zum Spätbarock. (masch. Diss.), Aachen 2011.
Harald Rosmanitz, Der Kachelofen und seine Entwicklung bis ins 18. Jahrhundert. In: Dietrich Lutz u. Egon Schallmayer, 1200 Jahre Ettlingen – Archäologie einer Stadt. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg, H.4 (Weinsberg 1988) S. 87-92.
Harald Rosmanitz, Evangelisten, Tugenden und ein Kurfürst. Bildersprache und Formenvielfalt frühbarocker Ofenkacheln. In: Albrecht Bedal u. Isabella Fehle (Hgg.), HausGEschichten: Bauen und Wohnen im alten Hall und seiner Katharinenvorstadt. Kataloge des Hällisch-Fränkischen Museums Schwäbisch Hall, Bd. 8 (Sigmaringen 1994) S. 149-164.
Harald Rosmanitz, Die Ofenkacheln. Dutzendware als kulturgeschichtliches Dokument, In: Alpirsbach. Zur Geschichte von Kloster und Stadt, Stuttgart 2001, S. 879-898.
Hans-Georg Stephan, Kacheln aus dem Werraland. Die Entwicklung der Ofenkacheln vom 13. bis 17. Jahrhundert. Schriften des Werratalvereins Witzenhausen, H. 23 (Witzenhausen 1991).
Konrad Strauss, Die Kachelkunst des 15. bis 17. Jahrhunderts in europäischen Ländern. III.Teil. (München 1983).
Ingeborg Unger, Kölner Ofenkacheln. Die Bestände des Museums für Angewandte Kunst und des Kölnischen Stadtmuseums (Köln 1988).
Ingeborg Unger, Kölner Ofenkacheln im Bestand des Suermont-Ludwig-Museums Aachen, in: Aachener Kunstblätter (2006-2010), S. 86–152.


Harald Rosmanitz, Partenstein 2005, überarbeitet und erweitert 2006 u. 2015.

  1. Bachmann/Mielke 1978, 5-6.
  2. Appuhn-Radtke/Kayser 1986, 126-127, Kat. Nr. B5; Großmann 1989, 121-133.
  3. Rosmanitz 1994, 751-152, Abb. 2-3.
  4. Strauss 1983, Taf. 146.7-11.
  5. Franz 1981, Abb. 267; Unger 1988, 238-247, Kat. Nr. 194-207; Heller-Karneth/Rosmanitz 1990, 37, Abb. 20.
  6. Franz 1981, Abb. 267, 283, 425; Unger 1988, 201; Stephan 1991, 165-166.
  7. Unger 1988, 238-247, Kat. Nr. 194-207.
  8. Rosmanitz 1988, 89-90.