Motive: Das sitzende Jesuskind aus Erfurt

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzublatt mit sitzendem Jesuskind grün glasiert, Thüringen (?), letztes Drittel 15. Jh., H. 18,2 cm, Br. 18,4 cm, Weimar, Thüringisches Denkmalamt für Denkmalpflege und Archäologie, urspr. Erfurt, Michaelisstraße, Collegium majus, Fd.-Nr. 2008/1Von dem Motiv haben sich im Collegium majus in der Michaelisstraße in Erfurt insgesamt elf Fragmente erhalten.1 Sie lassen sich zu mindestens zehn gleichartigen Kacheln ergänzen. Die annähernd quadratischen, weiß behauteten Bildfelder zeigen ein auf einem Kissen sitzendes Jesuskind. Es ist bis auf einen Mantel unbekleidet, der auf Bursthöhe von einer blütenförmigen Schließe zusammengehalten wird. Der Mantel lässt den Bauch und den Unterkörper mit den angewinkelten Beinen frei. Mit seiner Rechten weist das Kind auf ein kleines Vögelchen, welches es in seiner linken Hand hält. Das lächelnde Gesicht mit lockigem Haupthaar ist umgeben von einem Kreuznimbus und wird von einem glatten Inschriftenband hinterfangen. Die Figur ist in ein rundes Medaillon eingebettet, dessen äußerer Rand als breite, ebenfalls glatte Kehle ausgebildet ist. Diese findet ihr formales Gegenstück in der Gestaltung einer rechteckig um das Bildfeld gelegten Leiste.

Aufgrund des Kreuznimbus und des Vögelchens kann das sitzende Kind auf der Erfurter Kachel als Jesusknabe identifiziert werden. Zum einen ist diese Art des Heiligenscheins der Trinität von Gottvater, seinem Sohn und dem Heiligen Geist vorbehalten. Bei dem Vogel dürfte es sich zum anderen um einen Stieglitz (Caruelis carduelis) handeln.2 Im Mittelalter war man der Meinung war, dass der Vogel sich angeblich von Dornen und Disteln ernähren würden. Die „bitteren Speise um der Erlösung der Menschheit willen“ verkörpert der Distelfink in der christlichen Symbolsprache den Opfertod des Gottessohnes.

Über die Frauenklöster fand die Darstellung des unbekleideten Christuskinds bereits im 14. Jahrhundert Eingang in die Wohnwelt des Adels und des Bürgertums. Neben annähernd lebensgroßen Holzskulpturen wie dem Michael Erhart zugeschriebenen Jesuskind mit Weintraube3 zeugen zahlreiche Christuskinder aus Pfeifenton von der weiten Verbreitung und Beliebtheit dieses Motivs vor allem in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Mit der Übernahme des Motivs auf Werke der Kachelkunst verlor die Darstellung mehr und mehr ihren Charakter eines eigenständigen Andachtsbilds.

Im Jahre 1988 wurden elsässische Ofenkacheln mit dem sitzenden Jesuskind von Jean-Paul Minne publiziert.4 1987 beschäftigte sich Fritz Wullen anlässlich der Vorstellungen der Ofenkacheln aus dem Augustinerinnenkloster am Baiselsberg bei Vaihingen an der Enz nochmals mit dem Bildmotiv.5 Zuletzt wurden die motividenten Ofenkeramiken von der Burg Wertheim vorgelegt.6 Die graphische Vorlage des Motivs konnte bislang jedoch noch nicht identifiziert werden.7Vergleichbare Kupferstiche des Meisters E.S. zeigen das Kind als stehende Ganzfigur. Stilistisch und aufgrund der Zeitstellung der Druckvorlagen lässt sich das Motiv an den Anfang des letzten Drittels des 15. Jahrhunderts datieren.

Verbreitung der Halbzylinderkacheln mit sitzendem Jesuskind. Kartierung: Sabrina Bachmann, HeimbuchenthalBislang weist FurnArch zu diesem Motiv 48 Einträge auf (Stand Juni 2020). Zusammen mit den elsässischen Vergleichsstücken lassen sich insgesamt 14 Fundpunkte sicher bestimmen. Schwerpunkt der Verbreitung bildet das nördliche Elsaß. Erstaunlicherweise fand das Motiv nur einen Wiederhall in der Kachelkunst der Schweiz.8 Zahlreiche Kacheln stammen aus der nördlich an das Elsass angrenzenden Südpfalz. Mit den Fundstücken von der Burg Homburg zwischen Gemünden und Hammelburg, aus der Innenstadt von Würzburg und von der Burg Wertheim wird die Nordgrenze des Verbreitungsgebietes markiert.

Eine deutliche Massierung ist für die Region um das elsässische Saverne festzustellen. Die aus dem Abraum einer im Jahre 2003 archäologisch untersuchten, spätgotischen Töpferei stammenden Reliefs legen die Vermutung nahe, dass man in der angrenzenden Töpferei über mindesten drei Kachelmodel dieses Motivs verfügt haben dürfte, die in Details und im Format leicht voneinander abwichen.9 Ein Größenvergleich mit den Ausformungen in Saverne ergibt, dass die im Elsass und am Oberrhein bislang nachweisbaren Kacheln lediglich ca. 80% der Höhe und Breite ihrer Saverner Pendants aufweisen.

Der Größenunterschied ist ein markantes Indiz dafür, dass die Ursprünge des Kachelreliefs mit dem sitzenden Jesuskind in Saverne zu suchen sind. Gelangte ein Hafner nicht in den Besitz einer teuren und wahrscheinlich nur in den seltensten Fällen verhandelten Originalpositivform, einer Patrize, so scheute er nicht davor zurück, eine Raubkopie anzufertigen. Gleiches gilt für die Model. Charakteristisch für Sekundärabformungen sind desweiteren Abformspuren wie Verschleifungen von besonders weit vorstehenden Teilen. Zur Wiedererkennung des ursprünglichen Reliefs musste das Bildfeld zudem nachbearbeitet werden. In unserem Fall wurde beispielsweise das ursprünglich mit kleinen Punktbuckeln besetzte Inschriftenband geglättet.

Die Erfurter Kacheln liegen deutlich außerhalb des umrissenen Verbreitungsgebietes. Sicher auf Wunsch des Auftraggebers, der 1379 gestifteten Universität Erfurt, wurden die Stücke dort im Collegium majus an einem außerordentlichen repräsentativen Ofen platziert. Zahlreiche Kachelreliefs dieses Ofens, sowohl die Halbzylinderkacheln mit geschlossenen Vorsatzblättern im rechteckigen Feuerkasten oder die Halbzylinderkacheln mit reliefierten Halbzylinder im zylindrischen Oberofen übernahmen Motive der spätgotischen Kunst des Oberrheins. Möglicherweise hatte man einen dort ansässigen Töpfer einschließlich seines Formenbestandes extra für die Erstellung dieses Kachelofens holen lassen. Für die reiche kurmainzische Handelsstadt an der Via Regia dürfte das mühelos finanzierbar gewesen sein.

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit sitzendem Jesuskind
grün glasiert, Thüringen (?), letztes Drittel 15. Jh., H. 18,1 cm, Br. 17,7 cm

Weimar, Thüringisches Denkmalamt für Denkmalpflege und Archäologie, urspr. Erfurt, Michaelisstraße, Collegium majus, Fd.-Nr. 2001/1

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit sitzendem Jesuskind
grün glasiert, Thüringen (?), letztes Drittel 15. Jh., H. 18,2 cm, Br. 18,4 cm

Weimar, Thüringisches Denkmalamt für Denkmalpflege und Archäologie, urspr. Erfurt, Michaelisstraße, Collegium majus, Fd.-Nr. 2008/1

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit sitzendem Jesuskind
unglasiert, Saverne, letztes Drittel 15. Jh., H. 20,5 cm, Br. 20,2 cm

Saverne CRAMS, Inv.-Nr. 505.3600.001 SA, urspr. Saverne, 6 Rue Neuve

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit sitzendem Jesuskind
grün und gelb glasiert, Saverne, letztes Drittel 15. Jh.

Saverne CRAMS, Inv.-Nr. 505.3601.001a SA, urspr. Saverne, 6 Rue Neuve

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit sitzendem Jesuskind
unglasiert, Untermain (?), letztes Drittel 15. Jh., H. 16,7 cm, Br. 16,7 cm

Wertheim, Grafschaftsmuseum, urspr. Wertheim Schloss

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit sitzendem Jesuskind
grün glasiert, Oberrhein, letztes Drittel 15. Jh., H. 8,3 cm, Br. 5,8 cm

Speyer, Historisches Museum der Pfalz, urspr. Kandel-Höfen


Weiterführende Literatur:

Lappe, Ulrich (1999): Ein Fund spätgotischer Ofenkacheln aus der alten Universität in Erfurt. In: Bärbel Kerkhoff-Hader und Werner Endres (Hg.): Keramische Produktion zwischen Handwerk und Industrie. Alltag, Souvenir, Technik. Hildburghausen (Bamberger Beiträge zur Volkskunde 7), S. 269–277.

Lappe, Ulrich (2003): Ein Fund mit spätgotischen Ofenkacheln aus der alten Universität in Erfurt. In: Alt-Thüringen 36, S. 206–224.

Minne, Jean-Paul (1977): La céramique de poêle de l’Alsace médiévale. Strasbourg.

Rosmanitz, Harald (2011): Das Jesuskind und die bärtigen Männer mit Zipfelmützen. Die spätmittelalterlichen Ofenkacheln von der Wertheimer Burg. In: Wertheimer Jahrbuch, S. 75–111.

Wälchli, David (1997): Eine Ofenkachel mit Christkinddarstellung aus Hornussen. In: Vom Jura zum Schwarzwald 71, S. 7–12.

Wullen, Fritz (1987): Bildmotive auf Ofenkacheln aus dem Augustinerkloster am Baiselsberg. In: Beiträge zur Geschichte, Kultur- und Landschaftskunde. Schriftenreihe der Stadt Vahingen an der Enz 5, S. 119–142.


© Harald Rosmanitz, Partenstein 2020

  1. Lappe 1999; Lappe 2003
  2. Auch eine Ansprache als Papagei scheint möglich (Minne 1977, S. 291).
  3. München, Bayerisches Nationalmuseum, Inv. Nr. 91/42
  4. Minne 1977, S. 290-294
  5. Wullen 1987, S. 132-133
  6. Rosmanitz 2011, S. 90-93
  7. Jean-Paul Minne leitet das Motiv von Einblattholzschnitten ab (Minne 1977, S. 291-294).
  8. Wälchli 1997
  9. Nach freundlicher Mitteilung von Bernhard Haegel, CRAMS Saverne.