Motive: Die heilige Ursula vom Saumarkt

Die heilige Ursula aus DurlachBei den Grabungen auf dem Saumarkt in Karlsruhe-Durlach konnten im Frühjahr 1991 in der Kellerverfüllung eines Fachwerkhauses die Überreste von drei Kachelöfen geborgen werden.1 Zwei davon waren Kombinationsöfen. Ihre Feuerkästen setzten sich aus gusseisernen Platten zusammen. Lediglich der ebenfalls kubische Oberofen war mit Kacheln bestückt. In einem davon waren Blattkacheln der oberrheinischen Apostelserie2 verbaut. Die Schmalseiten von zwei solcher, über Eck geführten Blattkachel konnten mit dem Relief der heiligen Ursula aufwarten.

Ein einfach getreppter Rahmen mit zur Mitte einziehender Randleiste umschließt das Innenfeld, das durch eine horizontale Leiste auf Höhe der Postamentoberkante der Hauptseite der Eckkachel in zwei Bildfelder unterteilt ist. Die rechteckige Fläche in der Postamentzone ist zusätzlich zum Kachelrahmen von einer einfach gestuften Leiste umgeben. Darin erkennt man einen achsensymmetrischen, ornamentalen Besatz mit Maske mit Stirnlocke. Der Kopf ist von nach außen weisenden Voluten flankiert. Die darüber liegende Darstellung nimmt den Großteil des zur Verfügung stehenden Raumes ein. Die Rahmenarchitektur setzt sich aus zwei am Rahmen ansetzenden Konsolgesimsen und einem gedrückten Segmentbogen zusammen. Der schmale, bandförmige Segmentbogen ist in leichter Unteransicht wiedergegeben, so dass die unverzierte Bogenlaibung als breites, nach hinten einziehendes Band den Hauptbestand des Bogens bildet. Die Zwickel sind mit breitlappigen, an der Bilddiagonalen angeordneten Akanthusblättern gefüllt. Sie entwachsen symmetrischen Rollwerkvoluten, die in dreifacher Wiederholung unterhalb des Zwickelbesatzes und im Bogenscheitel den Bogenverlauf umschließen. Die zu den Voluten führenden Leisten scheinen sich aus dem Bogen selbst zu entwickeln. Im Scheitelpunkt ist das Motiv durch Umkehrung in der Horizontalen umgebildet. Dies führt dazu, dass die zu den Voluten führenden Leisten knapp oberhalb der seitlichen Rollwerkvoluten hinter den Akanthusblättern ansetzen. Die herausragende Stellung des zentralen Rollwerks ist durch einen aus der Fläche vortretenden Punktbuckel zusätzlich betont.

Unter dem Bogen erkennt man eine ganzfigurige, weibliche Gestalt. Sie steht erhöht auf einer zur Mitte leicht ansteigenden Struktur, die durch S-förmig ineinander verschlungene Gebilde gegliedert ist. Die Struktur kann am ehesten als Wolkenberg gedeutet werden, auf dem die Figur schwebt.3 Die Frau trägt eine Tunika und einen langen Mantel mit hoch sitzender Taille, der über der Brust durch ein Tasselband zusammengehalten wird. Die gleichförmige, lineare Faltenführung beider Gewandungsteile betont die Vertikalausrichtung der gesamten Darstellung. Der auf der rechten Seite aufgebauschte, über dem rechten Arm hängende Mantel rahmt ihren Körper. Mit Hilfe der Faltenführung lässt sich die darunterliegende Körperlichkeit zumindest teilweise erahnen. Dies gilt in erster Linie für ihr linkes, leicht nach vorne angewinkeltes Spielbein mit seinem unter dem Rocksaum vorgestreckten Schuhwerk und für den Oberkörper. Auch die gleichmäßige Linksdrehung des gesamten Körpers zeichnet sich deutlich ab. Der Kopf ist dem Betrachter zugewandt. Über einer hohen Stirn erblickt man einen dreifach gezahnten Kronreif. Er hält das lockige Haupthaar zusammen, das in langen Strähnen auf Hüfthöhe herabfällt. Mit der Hand ihres linken, nach unter hängenden Armes umfasst die Figur den Mantelsaum. Ihre angewinkelte rechte Hand hält zwei überkreuz gelegte Pfeile mit reich gefiederten Schäften und nach oben zeigenden Spitzen. Neben Palme, Kreuzfahne und Schiffchen können die Pfeile in Verbindung mit dem Kronreif über offenem Haupthaar als Attribute der heiligen Ursula angesprochen werden. Die Pfeile verkörpern die Märtyrerwerkzeuge, das offene Haupthaar erinnert an die Bewahrung des Gelübdes der Jungfräulichkeit.

Verbreitung der Kacheln und Model mit der heiligen Ursula, Karte: Sabrina Bachmann, HeimbuchenthalSchmalseiten von Eckkacheln mit der Darstellung der heiligen Ursula lassen sich weitgehend auf die oberrheinische Apostelserie vom Typ C1 beschränken. Bei der Apostelserie mit einfachem Rahmen (Typ C2) ist das Motiv durch dreigeteilte, mit Ornamenten und Büsten verzierte Innenfelder ersetzt. Zwei Kacheln mit der Ausbildung der Heiligen aus Villingen4 belegen, dass übereinstimmende Schmalseiten auch in Fertigungszentren von Apostelkacheln mit einfachem Rahmen vorhanden waren. In Gießen sind entsprechende Schmalseiten mit Kacheln aus der süddeutsch-österreichischen Apostelserie (Typ C5) vergesellschaftet. Diese Kachel ist inschriftlich auf das Jahre 1655 datiert5.

Ein Model in Schwäbisch Gmünd nimmt das Ursulamotiv auf.6 Das Model ist um die Hälfte größer als alle bisher bekannten Ausformungen auf oberrheinischen Apostelserien. Damit lässt sich das Model dem vom Format größeren Typ C5 zurechnen. Das umlaufende Wellenband auf dem Gmünder Model konnte bislang noch auf keiner anderen Ausformung nachgewiesen werden.

Das Verbreitungsgebiet der Kachelschmalseiten mit der heiligen Ursula entspricht aufgrund der zwangsläufigen Vergesellschaftung des Motivs mit der oberrheinischen Apostelserie der letztgenannten Bildfolge. Schwerpunkte bilden der deutsche Südwesten und das angrenzende Elsass. Aus Gießen stammt der östlichste Vertreter einer Ursula-Kachel in frühbarocker Ausprägung. Welcher Stellenwert dem Kachelrelief zugemessen werden konnte, zeigt sich an einer Kachel aus den Ingohöfen in Ingolstadt. Dort wurde das Relief mit einer blaugrundigen Glasur überzogen und polychrom bemalt.7

Fragment der Schmalseite einer über Eck geführten Blattkachel mit der heiligen Ursula
graphitiert, Oberrhein, letztes Drittel 17. Jh., H. 23,8 cm, Br. 10,0 cm

Rastatt, Archäologisches Landesmuseum, Zentrales Funddepot, ursprünglich Karlsruhe-Durlach-Saumarkt

Fragment der Schmalseite einer über Eck geführten Blattkachel mit der heiligen Ursula
dunkelgrün glasiert, Oberrhein, letztes Drittel 17. Jh., H. 23,0cm, Br. 18,0 cm

Saverne, Musée d' Art et d' Histoire de Saverne

Fragment der Schmalseite einer über Eck geführten Blattkachel mit der heiligen Ursula
graphitiert, Franken (?), letztes Drittel 17. Jh., H. 31,0 cm, Br. 14,5 cm

Bad Windsheim, Fränkisches Freilandmuseum, Inv.-Nr. 96/1743, urspr. Abenberg, Burg

Fragment der Schmalseite einer über Eck geführten Blattkachel mit der heiligen Ursula
dunkelbraun glasiert, Franken (?), letztes Drittel 17. Jh., H. 26,4 cm, Br. 11,8 cm

Würzburg, Museum für Franken

Fragment der Schmalseite einer über Eck geführten Blattkachel mit der heiligen Ursula
grün glasiert, Süddeutschland, letztes Drittel 17. Jh., H. 14,7 cm, Br. 10,6 cm

Ingolstadt, Stadtmuseum, urspr. Ingolstadt Ingobräu, Fd.-Nr.07410/3895

Fragment des Models der Schmalseite einer über Eck geführten Blattkachel mit der heiligen Ursula
unglasiert, Südwestdeutschland, letztes Drittel 17. Jh.

Schwäbisch Gmünd, Museum im Prediger


Literaturverzeichnis:

Bartenstein, Sabine; Fuchs, Mechthild (1978): Hafnerkunst in Villingen. Bestandskatalog I des Museums Altes Rathaus Villingen, Abt. Kunsthandwerk, Stadt Villingen-Schwenningen. Hafnerkunst in Villingen. Villingen.

Ertel, Konstanze; Rosmanitz, Harald (1999): Verborgene Schätze. Die Funde vom Durlacher Saumarkt. Karlsruhe.

Riedel, Gerd (2016): Ingolstadt und Europa. Die Keramik von den Ingohöfen. In: Stadtmuseum Ingolstadt (Hg.): Archäologie Aktuell – Ausgrabungen in Ingolstadt. Büchenbach, S. 57–72.

Rosmanitz, Harald (1992): Die barocken Kachelöfen aus dem Haus eines Kaufmanns im Bereich des Saumarkts in Karlsruhe-Durlach. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1992, S. 352–355.

Rosmanitz, Harald (1995): Die frühbarocken Plattenöfen aus dem Haus eines Kaufmanns in Karlsruhe-Durlach. Zur Frage der Rekonstruktion und Motivwahl. In: Werner Endres (Hg.): Zur Regionalität der Keramik des Mittelalters und der Neuzeit. Beiträge des 26. Internationalen Hafnerei-Symposiums. Bonn (Denkmalpflege und Forschung in Westfalen 32), S. 125–142.

Rosmanitz, Harald (1996): Kunst als Dutzendware. Eine frühbarocke Kachelserie aus dem Oberrheintal. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes 25, S. 140–147.

Rosmanitz, Harald (2000): La série d´apôtres. Réflexions sur la fabrication, la distribution et la datation. In: Annick Richard und Jean-Jaques Schwien (Hg.): Archéologie du poêle en céramique du Haut Moyen Âge à l’époque moderne. Technologie, décors, aspects culturels. Actes de la table ronde de Montbéliard 23-24 mars 1995. Dijon (Revue Archéologique de l´Est 5), S. 101–113.

Strauss, Konrad (1925): Die Töpferkunst in Hessen. Straßburg (Studien zur deutschen Kunstgeschichte 228).


© Harald Rosmanitz, Partenstein 2020

  1. Ertel/Rosmanitz 1999; Rosmanitz 1992; Rosmanitz 1995
  2. Rosmanitz 1996; Rosmanitz 2000
  3. Eine Ansprache als bewegte Wasseroberfläche in Verbindung mit der heiligen Ursula ist trotz ikonographischer Bezüge aufgrund eines fehlenden Wasserfahrzeuges eher unwahrscheinlich.
  4. Bartenstein/Fuchs 1978, 88, Kat. Nr. IIb.5/6
  5. Strauss 1925, Taf. 39, Abb. 204
  6. Schwäbisch Gmünd SM M Inv. Nr. 6240. Die Rückseite ist mit drei Kreuzen und einer nicht lesbaren Inschrift (Jahreszahl?) versehen.
  7. Riedel 2016, S. 69, Abb. 18