Puttengeklimpere
Mit dem Aufkommen reliefverzierter Ofenkacheln geht auch das Bemühen einher, durch die darauf applizierten Darstellungen alle Sinne anzuregen. Zwei der fünf Wahrnehmungsmöglichkeiten sind an den Reliefs direkt erfahrbar: Die Bilder laden zum Betrachten ein (Sehen). Die Erhabenheit der Reliefs regt unser Tastempfinden an und die Wärmeabstrahlung ist wahrnehmbar (Fühlen). Die restlichen Sinne sind allerdings nur indirekt über Bildinhalte zu vermitteln. Neben dem Schmecken und dem Riechen gilt das auch für das Hören. Als Beispiel für den klingenden Kachelofen sei in der vorliegenden Betrachtung auf Kranzkacheln vom Lufthof bei Dorfprozelten verwiesen.
Bei den Grabungen dort konnte im Jahre 2024 unter anderem ein großes Areal im Bereich der ehemaligen Nordwestecke des umfriedeten Areals untersucht werden. An dieser Stelle wurde die eingestürzte Umfassungsmauer im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts in Teilen zur Gründung des steinernen Untergeschosses eines großen Hauses genutzt. Der mehr als zwölf Meter lange Befund (N nach S) hatte sich im Aufgehenden noch auf einer Höhe von bis zu 90 cm erhalten.
Gegen 1635 dürfte die Baulichkeit, ähnlich wie diejenige auf dem Gotthardsberg bei Amorbach oder die Burg Bartenstein bei Partenstein, aufgelassen worden sein. Das Hausinventar wurde systematisch zerkleinert und in der nordwestlichen Hausecke aufgetürmt. Trotz seines fragmentarischen Zustands zeugt das Fundgut mit aufwendig malhorndekorierter Irdenware, reliefierter Ofenkeramik, importiertem Steinzeig aus dem Westerwald und teils farblosen, modelgeblasenen Flach- und Hohlgläsern von einem an dieser Stelle nicht unbedingt zu erwartenden, hohen Lebensstandard.
Zu den 218 an dieser Stelle geborgenen und in FurnArch aufgenommenen Kachelfragmenten zählt auch das hier vorzustellende Stück: Die Kachel kann aufgrund des auskragenden, sich leicht verbreiternden oberen Viertels als Kranzkachel angesprochen werden. Zusammen mit ähnlichen oder motivgleichen Kacheln bildete sie ursprünglich den oberen Abschluss eines vieleckigen, zylindrischen Oberofens. Das feinteilige Relief, das das gesamte modelgepresste Vorsatzblatt bedeckt, weist keine Glasur auf. In Vertiefungen haben sich Reste von Graphitierung erhalten.
Das Bildfeld der Ofenkeramik wird beherrscht von einer Arkade. Über lisenenbesetzten Sockeln erheben sich glatte Säulen mit breiter Entasis. Sie entwachsen Blattkelchen. Darüber erhebt sich ein schmaler Dreiecksgiebel. Seinem Verlauf folgen zwei lorbeerblattbesetzte Festons, die am Scheitelpunkt des Dreiecksgiebels zusammentreffen. An dieser Stelle hängt an einer dünnen Schnur ein kugeliges Gebilde herab. Das Innenfeld nimmt ein Knickhalslaute spielender Putto ein. Er sitzt auf einem Podest in Form einer gerippten Schale. Sein rechtes Bein ist angewinkelt. Auf dieses stützt sich die linke Hand auf.
Mehrere Fragmente mit gleichen Reliefs, die sich in den Sammlungen der Museen der Stadt Miltenberg erhalten haben, sind zusätzlich auf Kopfhöhe des Putto mit der in das Model eingeritzten Jahreszahl 1580 versehen. Die Datierung mutet vergleichsweise spät an. Bereits um 1440 nahm sich Stefan Lochners in seinem Gemälde „Maria in der Rosenlaube“ in meisterhafter Manier dieses Sujets an. Zu verweisen ist auch auf die vor 1477 von Melozzo da Forli geschaffenen Fresken für den Vatikan. Das pausbäckige Gesicht des Engels und die Ausbildung der Arkade auf den Kacheln vom Lufthof und von Miltenberg sind allerdings eher typisch für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Ein zweiter Verbreitungsschwerpunkt des Dekors ist mit vier Fundstellen für Südthüringen zu konstatieren.1 Formgleiche Stücke aus Hildburghausen-Häselrieth, Meinigen und Schalkau-Sonneberg unterliegen dort einer eigenständigen Motivrezeption.
Besonders prächtig ist die in Fayencetechnik dreifarbig bemalte Kranzkachel aus Hildburghausen-Häselrieth. Über den flankierenden Säulen der rahmenden Arkade spannt sich auf dieser Kachel ein gedrückter Dreiecksgiebel, der seinerseits mit zwei lorbeerblattbesetzten Festons behängt ist. In den oberen Zwickeln sitzen jeweils ein nach außen gewandter Drache.
Bei der Gegenüberstellung der Kranzkacheln vom Lufthof und derjenigen aus Hildburghausen-Häselrieth sind deutliche Unterschiede in der Gestaltung des Innenfelds auszumachen. So ist das rechte Bein des Putto bildbeherrschend, ragt über das Postament hinaus. Der Kopf des Lautespielers ist nach links ins Viertelprofil gedreht. Die Figur im Innenfeld ist wesentlich kompakter und voluminöser gearbeitet. Dies hatte zur Folge, dass die Flügel deutlich wesentlich kleiner ausgebildet werden mussten. Der Abgleich führt auch vor Augen, dass sowohl der rahmenden Arkade als auch der Gestaltung der sitzenden Figur die gleiche graphische Vorlage zugrunde lag. Diese konnte jedoch bislang nicht gefunden werden.
Kacheln mit lautespielendem Putto
Zwischen einer in Meinigen ergrabenen Kranzkachel und der Hildburghauser Kachel gibt es einen beachtenswerten Größenunterschied. Beträgt die Breite beim letztgenannten Stück 16,4 cm, so ist die Meininger Kachel 12,9 cm breit. Die Differenz bei den Abmessungen ist fertigungsbedingt.2 Ein Bildabgleich zeigt, dass die beiden Südthüringischen Stücke einer Urform, einer Patrize, entstammen dürften. Es stellt sich die Frage, ob die Anfertigung einer „Raubkopie“ ausschließlich mit der preisgünstigeren Motivbeschaffung durch kleinere Werkstätten zusammenhängt, zumal solche Nachformungen auch in Hafnereien mit einer qualitätsvollen eigenen Produktpalette vorkommen. Zumindest ein Teil der Nachformungen könnte auch anlässlich von Ofenreparaturen hergestellt worden sein, wobei zur Bestandssicherung die Fehlstellen durch motivgleiche, dann jedoch deutlich kleinere Kacheln ausgefüllt werden mussten.
Der Unterschied zwischen den Spielarten des Dekors am Untermain und in Südthüringen ist auch darin zu sehen, dass das Thema in der letztgenannten Gruppe eine Weiterentwicklung erfuhr. Auf einer braunglasierten Kachel vom Rathaus in Hildburghausen steht der Laute spielende Putto auf einer mit Blüten bewachsenen Wiese. Das Motiv leitet nahtlos über zu einer vergleichbaren Blattkachel aus Marburg, auf der eine ähnlich ausgebildete Figur in vergleichbarem Rahmen nun als Allegorie der „Musica“ der Serie der Freien Künste fungiert.
Der Dekor des Laute spielenden, sitzenden Putto lässt sich über seine Nutzung als zentrales Bildmotiv auf Ofenkacheln aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts fortschreiben. Wir finden solche Darstellungen als Versatzteile auf Zwickeln rahmender Arkaden ebenso wie auf Ofenbekrönungen.
Harald Rosmanitz, Partenstein 2025
Weiterführende Literatur:
Rosmanitz, Harald (2012): Das Phänomen von Ur- und Sekundärpatrize. In: Eva Roth Heege (Hg.): Ofenkeramik und Kachelofen. Typologie, Terminologie und Rekonstruktion im deutschsprachigen Raum. Basel (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters, 39), S. 57–63.
Rosmanitz, Harald (2013): Wohlige Wärme in der Residenzstadt. Meininger Kachelgeschichte(n). In: Mathias Seidel (Hg.): Spiegel des Alltags. Archäologische Funde des Mittelalters und der frühen Neuzeit aus Meiningen. Meiningen, S. 57–71.
