Bislang weitgehend unbeachtet hat sich im Grafschaftsmuseum in Wertheim ein Kachelensemble erhalten, das nicht nur wegen seiner Motivvielfalt zu einem der interessantesten Konvolute seiner Art in Nordbaden zählt.1 Die meist nur noch daumen- bis faustgroßen, meist reliefierten Kachelfragmente entstanden zwischen 1400 und 1550. Unter dem Einfluss der oberrheinischen Spätgotik leistete man sich auf der Wertheimer Burg Raumheizungen, wie sie selbst für die Repräsentationsbauten des Adels, Klerus und des Patriziats in benachbarten Städten am Untermain wie Aschaffenburg, Miltenberg und Würzburg in dieser Ballung bislang noch nicht nachgewiesen werden können.
Von der hier vorzustellenden Ofenbekrönung haben sich auf der Burg oberhalb von Wertheim 15 Fragmente erhalten. Davon sind drei unglasiert. Sie lassen sich insgesamt mindesten vier Kacheln zuweisen. Sie waren sowohl oben als auch unten nach dem Ausformen mit einem Messer beschnittenen. An die Rückseite der Reliefs wurde horizontal eine 9,5 cm tiefe, vom Blätterstock abgeschnittene Tonplatte angarniert. Sie verbreiterte sich konisch zu den beiden seitlichen Enden des Kachelblatts hin. Der Steg verankerte das Konstrukt ursprünglich im Ofenkörper.
Die querrechteckige Kachel wird horizontal durch einen dicken Ast mit gleichmäßig geriefter Rinde gegliedert. Ihm entwachsen an langen Stielen drei nach unten hängende, breitlappige Blätter. Nach oben zweigen von dem Astwerk zwei ebenfalls mit breitlappigen Blättern ausgestattete Blütenkelche ab. Anstelle der Fruchtstände setzten dort die Halbbilder der beiden einander zugewandten, bärtigen Männern an. Sie sind bekleidet mit in der Taille stark einziehenden, vor der Burst wattierten Leibröcken mit großen, runden Knöpfen auf der Vorderseite. Die Leibchen erinnern mit ihren schmalen, röhrenförmigen Ärmel an die Mode in der Zeit des internationalen weichen Stils um 1380-1420. Auf ihren Köpfen tragen die beiden Männer eine Art Zipfelmütze. Die Erweiterung an den Enden legt die Vermutung nahe, dass es sich dabei um Modifizierung der für das 14. Jahrhundert charakteristischen Gugeln handelt, aus der sich in der Folge die Zipfelmütze entwickeln sollte. Doch irgendwie passt der Schnitt nicht zu dem Wams, da dieser nicht die Brust betont und die Ärmel für die Zeit um 1400 viel zu teigige Falten werfen. Auch, dass statt etwa eines Maßwerks, ein Laubwerkornament mit die stilistische Entwicklung des mittleren 15. Jahrhunderts voraussetzenden Blattranken die Darstellung prägen, passt nicht zur internationalen Gotik.
Aussagen über die Verbreitung des Motivs und die Kombination mit anderen Kacheln sind bislang aufgrund fehlender Vergleichsstücke recht dürftig. Ähnliche Ofenbekrönungen sind aus dem fränkischen Wiesenbronn bekannt.2 Eine Datierung ist stilistisch über das streng symmetrisch gestaltete Astwerk in das ausgehende 15. Jahrhundert möglich. Es finden sich erste Anklänge an die frühe Renaissance.
Am besten lässt sich die Darstellung mit den in dieser Zeit geschaffenen Altären mit der Wurzel Jesse vergleichen. Ein entsprechender, um 1500 geschaffener Altar steht in der Kapelle am Amorsbrunn bei Amorsbach. Wiedergegeben ist der Traum des Propheten Jesaja vom Stammbaum Christi (Jesaia 11,1-10). Vergleichbare Darstellungen gibt es jedoch auch von anderen christlichen Themen wie dem Rosarium beati Francisci, von dem ein Einblatthozschnitt bekannt ist, bei dem vergleichbar dargestellte Franziskaner dem Rosenstock entwachsen3 oder vom Weinstock der Erlösung, bei dem die Apostel dem zum Weinstock gewandelten Kruzifix als Halbfiguren entwachsen.4
Erst vor dem Hintergrund der heilsgeschichtlichen Bezüge wird eine Deutung der Wertheimer Zipfelmützentäger möglich. Es sind weder die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert beispielsweise auf den Burgenbowlen Westerwälder Prägung typischen Zwerge. Auch handelt es sich nicht um Bergleute. Für diese wären sowohl das taillierte Wams als auch die ausladende Zipfelmütze für die Arbeit unter Tage eher ungeeignete Trachtbestandteile. Vielmehr haben wir hier die Halbbilder von Propheten vor uns. Die Vorboten der Ankunft Christi sind traditionell mit wallenden Bärten wiedergegeben. Meist tragen sie eine Kopfbedeckung. Gut vergleichbar ist die Kopfbedeckung des Propheten über der Rechten Karls des Großen am Chorgestühl der Reinoldikirche in Dortmund.5
Um 1500 entstandene Blattkacheln von der Hohkönigsburg im Elsass, von der Burg Petit Landau bei Buttenheim6 und aus Arolsheim7 karikieren dieses Motiv. Die Blattranke entwächst auf diesen Kacheln einem Schuh. Anstelle von Propheten erkennt man in den Blattkelchen die Halbbilder von interagierenden Putten.
Eine zumindest in groben Zügen ähnliche Ofenbekrönung ist von der Burg Hohenschramberg bekannt. An die Stelle des blattbesetzten Astwerks tritt dort eine steinansichtiger Mauer, oben und unten eingefasst von schmalen Taustäben. Das Konstrukt fußt einem schmalen Fries mit blattbesetztem Astwerk. Der Mauerverlauf ist mit hohen Zinnen besetzt, denen fünfeckige Halbschalentürmchen vorgesetzt sind. Dazwischen stehen im alternierenden Wechsel ein bärtiger, alter Mann mit zum Redegestus erhobener linker Hand und eine Frau mit aufwendigem Kopfputz.
Spätgotische Ofenbekrönungen mit Halbbildern von Personen
Ab dem späten 15. Jahrhundert und nicht erst ab etwa 1510, wie zuvor erkannt,8 wurden Verschnitte historischer Moden der gerade überkommenen Moden als Zeichen für „lang her“ verstanden, wobei dieser Prozess bereits um 1488 im nahegelegenen Worms fassbar wird.9 Auch die Charakteristika der Köpfe und dieses Werks sowie etwa des Schlusssteins mit den Hll. Stephan, Petrus und Alban vom Wormser Doms sind vergleichbar.10 Demzufolge und wegen der bereits fortgeschrittenen Blattornamente handelt es sich also um eine historisierende Darstellung aus er Zeit um 1500.
© Gerald Volker Grimm und Harald Rosmanitz, Obernburg/Partenstein 2025
Weiterführende Literatur:
Arens, Fritz (1971): Die ursprüngliche Verwendung gotischer Stein- und Tonmodel mit einem Verzeichnis der Model im mittelrheinischen Museum. In: Mainzer Zeitschrift 66, S. 106–131.
Grimm, Gerald Volker (2015): Die mitteleuropäischen Backmodel des 15. Jahrhunderts. Werkstattgruppen – Chronologie – Verbreitung. In: Lutz Grunwald (Hg.): Den Töpfern auf der Spur. Orte der Keramikherstellung im Licht der neuesten Forschung. Regensburg: Schnell & Steiner (RGZM-Tagungen, 21), S. 349–358.
Grimm, Gerald Volker (2019): Rezension von Tine Luk Meganck und Sabine van Sprang (Hrsg.); Bruegels Winterlandschaften. Historiker und Kunsthistoriker im Dialog. In: Journal für Kunstgeschichte 23 (3).
Meurer, Heribert (1970): Das Klever Chorgestühl und Arndt Beeldesnider. Düsseldorf (Die Kunstdenkmäler des Rheinlands. Beiheft, 15).
Rosmanitz, Harald (2012): Das Jesuskind und die bärtigen Männer mit Zipfelmützen. Die spätmittelalterlichen Ofenkacheln von der Wertheimer Burg. In: Wertheimer Jahrbuch 2010/2011, S. 75–111.
Schnitzler, Bernadette (Hg.) (1992): Leben im Mittelalter. 30 Jahre Mittelalterarchäologie im Elsass. Speyer.
Wilckens, Leonie von (1961): Das ‚historische‘ Kostüm im 16. Jahrhundert. Spiegel des historischen Begreifens. In: Waffen- und Kostümkunde 3, S. 28–46.
Zimmermann, Eva (1985): Die mittelalterlichen Bildwerke in Holz, Stein, Ton und Bronze mit ausgewählten Beispielen der Bauskulptur. Karsruhe.
- Rosmanitz 2012.
- Wiesenbronn, Badergasse 4 (Privatbesitz).
- Meurer 1970, Abb. 115.
- Arens 1971, S. 123, Taf. 39.48 (nach Grimm 2015, S. 351 mittlere Schaffensphase des Abendmahlmeisters, aktiv ca. 1430-1460.
- Meurer 1970, S. 25, Abb. 108 (kurz vor 1474).
- Schnitzler 1992, S.409, Kat.-Nr. 4.62.3.
- Schnitzler 1992, S.409, Kat.-Nr. 4.62.2.
- Wilckens 1961.
- Grimm 2019, S. 228, Abb. 1-2.
- Vgl. Zimmermann 1985, S. 249-251, Kat.-Nr. 144.

