Fulminanz mit Ansage
Im Bergwinkelmuseum Schlüchtern wird eine Kachel aufbewahrt, die aufgrund ihres Innenfelds mit der Luxuria aus der Serie der Allegorien der Laster bereits Eingang in eine andere Betrachtung gefunden hat.1
Bislang unberücksichtigt blieb die opulente Einfassung des Innenfelds. Diese nimmt immerhin mehr als 70% des reliefierten Vorsatzblattes für sich in Anspruch. Der sehr hohe Sockel des Kachelrahmes wird zur Gänze von einer querrechteckigen Beschlagwerkkartusche eingenommen. Darin findet sich auf glattem Untergrund die Inschrift 16 HG 003. Die vergleichsweise schmalen Pfeiler, die sich über der Deckplatte des Sockels erheben, sind auf ihrer ganzen Höhe mit schräg in die tragenden Architekturteile
eingeschnittenen, glatten Nischen besetzt. Darin steht links ein Harfe spielender Mann mit Krone und Bart rechts eine ebenfalls bärtige Figur mit Kreuzstab, zu deren Füßen ein Lamm kauert. Die Attribute erlauben die Ansprache der beiden Stehenden als Protagonisten des Heilsbringers, als König David (li) und als Johannes der Täufer (re).
Ein stirnseitig mit geflügelten Puttenköpfen besetzter Kämpfer leitet über zu einem Bogen, der sich zwischen den beiden Pfeilern spannt. Die punktbuckelbesetzte Bogenlaibung ist fast vollständig von Bildelementen bedeckt, die den Zwickelbesätzen zugewiesen werden können. Der Schlussstein des Bogens trägt eine groteske Maske. Sie dient ihrerseits als Auflager für eine glatte Vase, deren Mündung ein ganzes Bündel von Früchten entwächst. Das zentrale Versatzstück des Bogens ist ebenso wie die beiden diesen flankierenden Zwickel mit Beschlag- und Rollwerk flächig bedeckt. Auf diesem liegen zwei Frauen. Sie umklammern mit ihren nach innen zeigenden Händen die Stiele von diagonal in die Ecken weisenden Palmwedeln. In den anderen, erhobenen Händen halten sie kleine Lorbeerkränze.
Die beiden sitzenden Frauen in den Zwickeln gehen auf einen Kupferstich von Jost Amman (1539-1591) zurück. Dieser wurde im Jahre 1580 von dem Buchdrucker Johann Feyerabend in Frankfurt am Main als Titeleinfassung verschiedener Bücher gedruckt. Auffällig ist die weitgehende Motivübernahme des rahmenden Segments über der Titulatur. Neben Anpassungen, die dem deutlich schmaleren Relief geschuldet sind, weisen sich lediglich die tuchenen Festons zwischen Bogenlaibung und den Sitzenden als eigenständige Zutat aus.
Der hier vorgestellte Rahmen war am gesamten Oberrhein verbreitet. Drei Fundstellen im heutigen Saarland lassen auf eine dortige Fertigung schließen.2 Bislang ist als Ort der sicher dezentralen Produktion lediglich Neuenburg am Rhein archäologisch bezeugt. Dieser Fundpunkt ist zugleich der südlichste.
Inschrift und Monogramm als Markenlabel
Die Jahreszahl 1603 gibt den Zeitpunkt der Entstehung der Patrize an, von der in der Folge Model und von diesen wiederum Kacheln abgenommen wurden. Selbstbewusst hat derModelschneider oder Verleger sein Monogramm HGO in die Inschrift mit der Datierung eingefügt. Bei der Beschriftung geht es nicht unbedingt um die Ausweisung einer zeitgemäßen Formensprache, oder um ein topaktuelles Design. Die prominente Platzierung ist in erster Linie als Markenzeichen zu verstehen. Sie zeichnet ein Produkt aus, das von der Käuferschaft besonders wertgeschätzt worden sein dürfte. Das Label bringt dies für den Kunden sichtbar zum Ausdruck. Gleichzeitig privilegiert sich dieser bei allen, die das Endprodukt bei ihm in der guten Stube bewundern dürfen.
Kachelrahmen von 1603
Von Motivfindung bis zur Massenfertigung konnten durchaus Jahrzehnte vergehen. Der von Jost Amman geschaffene Dekor findet sich erstmals 1580 als Druckgraphik. Das Jahr 1603 gibt den Zeitpunkt der Übernahme auf Kachelreliefs an. Kacheln mit solchen Rahmungen vom Kloster Lorsch lassen blasige Aufwerfungen der dunkelbraunen Glasur erkennen. Ein solcher Schaden entsteht in dem Moment, in dem die Keramik einem Schadfeuer ausgesetzt ist. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich dabei um Spuren eines beliebigen Hausbrandes handelt. Der Schaden kann aber auch im Zusammenhang mit dem Niederbrennen der Baulichkeiten durch die Spanier im Jahre 1621 stehen. Dann hätten wir mit den Lorscher Artefakten den Beleg einer langen Nutzungszeit des Motivs vor uns. Als sicher gilt, dass solche Kacheln noch in den 1630er Jahren in einer Töpferei in Neuenburg am Rhein gefertigt wurden.
Harald Rosmanitz, Partenstein 2025
Weiterführende Literatur:
Bernard, Christel (2010): Zwischen Nutzwert und Repräsentation. Ofenkachelfunde von Burg Kirkel. In:
Wolfgang Adler (Hg.): Landesarchäologie Saar 2005 – 2009. 1. Aufl. Saarbrücken: Landesdenkmalamt
(Denkmalpflege im Saarland. Arbeitsheft, 2), S. 267–284.
Vollmann, Dieter (2012): Ofenkeramik des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit von der Burg Dagstuhl im
Saarland. In: Archaeologia Mosellana 8, S. 155–224.
