Motive: Wärmefach Typ Tannenberg

Fragmente eines Wärmefachs mit Kruselerpüppchen von der Burg Bartenstein, Dieburg, um 1400, Partenstein, Burg Bartenstein, Partenstein, Partenstein, Museum Ahler Kram, Fd.-Nr. 1384, H. 18,3 cm, Br. 5,2 cmDer Ofen mit Kacheln vom Typ Tannenberg, der um 1400 auf der Burg Bartenstein stand, verfügte über ein Wärmefach.1 Wie auch die anderen Kacheln vom Typ Tannenberg war auch die Vorderseite dieses Wärmefachs mit Reliefs besetzt.

3D-Modell des Wärmefachs Typ Tannenberg

Wärmefächer eignen sich zur Wärmeregulierung sowie zum Aufwärmen oder Garen von Speisen und Getränken.2 Ähnlich ausgebildete Kachelofeneinsätze werden auch als Backfächer bezeichnet. Der Kacheltypus, der seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert in Kachelöfen eingebaut war, kann folgendermaßen beschrieben werden:

  • Den Gutteil der Konstruktion nimmt ein länglicher, auf der schnell drehenden Töpferscheibe gefertigter, keramischer Körper ein. Dieser ist horizontal in den Ofen integriert.
  • Die Mündung kann glasiert oder graphitiert sein. So war es möglich, den von außen sichtbaren Teil des Wärmefachs der Farbe des Ofens anzugleichen. Diese Partien können mit modelgepressten Reliefs besetzt sein.
  • Die Mündung lässt sich mit einem Einschiebedeckel verschließen.3 Über dieser ist die Wärmeabgabe regulierbar. Der Schieber kann aus Keramik, Holz oder Metall gefertigt sein.

Möglicherweise entwickelten sich die Wärmefächer aus einfachen, in den Ofenkörper eingebauten, keramischen Röhren. Unklar ist, zu welchem Zeitpunkt Wärmefächer erstmals in Öfen integriert wurden. Als frühesten Beleg könnte die rechteckige Öffnung im Fußbereich des Becherkachelofens in einer um 1250 entstandenen Miniatur eines Würzburger Psalters gedeutet werden.4 Die Darstellung eines Wärmefachs findet sich auf einer Federzeichnung von Albrecht Dürer, die zwischen 1490 und 1494 entstanden ist.5 Wärmefächer waren im Rhein-Main-Raum jedoch bereits deutlich früher in Gebrauch.

Wärmefach mit Kruselerpüppchen, Dieburg, um 1400, Privatbesitz, H. 42,8 cm, Br. 29,2 cmEinen annähernd vollständiges Wärmefach, das in vielen Teilen demjenigen von der Burg Bartenstein gleicht, hat sich in der Sammlung Elsenheimer erhalten.6 Die Kachel setzt sich aus zwei Teilen zusammen: aus einem querrechteckigen Unterbau sowie aus einer dreiteiligen, horizontal in drei Register gegliederten Bekrönung. Zwei Figuren flankieren den zentralen, querrechteckigen Durchbruch des unteren Teils der Kachel. Es handelt sich um Kruselerpüppchen.7 In ihren Abmessungen entsprechen sie zeitgleichen Spielzeugfigürchen. Zwei rückwärtige Stege auf Halshöhe der Kruselerpüppchen verbinden die Keramikreliefs mit dem Kachelkörper. Der Zwischenraum mit einer lichten Weite von 2,5 cm könnte einen hölzernen Schieber umfangen haben, mit dem sich das Wärmefach horizontal verschließen ließ.

Verbreitung von Wärmefächern Typ Tannenberg  Legende: rot: Kachelofenstandort; blau: ProduktionsstandortVon der Burg Bartenstein bei Partenstein stammen gleich mehrere Fragmente eines solchen Wärmefachs. Die Kartierung der 26 bislang bekannten Fundpunkte bestätigt, daß mit den Wärmefächern zumindest im Einflußbereich der Dieburger Töpfereien ein Innovationsimpuls von dem im Rhein-Main-Raum gelegenen Produktionszentrum ausgegangen sein dürfte.

Der Nachweis solcher Wärmefächer in den Zerstörungshorizonten des Jahres 1399 auf der Burg Tannenberg, des Jahres 1405 auf der Burg Hauenstein bei Krombach sowie der Jahre 1437/38 auf der Burg Mole bei Heimbuchenthal geben erste Hinweise auf die Nutzungsdauer solcher Wärmefächer.

Bei der Gegenüberstellung der reich dekorierten Wärmefächer des ausgehenden 14. Jahrhunderts zu ihren spätgotischen und neuzeitlichen Weiterentwicklungen fällt der drastische Rückbau dekorativer Elemente ins Auge. Das Wärmefach wird ebenso wie die Wasserblase zum rein funktionalen Teil einer Raumheizung. Ging es anfangs darum, den innovativen Gedanken auch dekorativ und damit repräsentativ hervorzuheben? Wurde von einem Fortschreiben dieser Tradition abgesehen, weil solche Stücke schlichtweg zu schwierig zu fertigen und damit zu hochpreisig waren?

Wärmefächer wie jene von der Burg Bartenstein mußten zweckmäßig in die keramische Außenhaut des Feuerkasten eines Ofens eingebunden sein. Schmauchspuren sprechen dafür, daß solche Wärmefächer mit ihren Rückseiten in das Ofeninnere geragt haben dürften. Die Keramiken waren an diesen Stellen direkt dem Feuer ausgesetzt. Es darf bezweifelt werden, dass die Wärmefächer im Oberofen saßen. Dies macht weder heiztechnisch noch funktional einen Sinn. Am wahrscheinlichsten ist die Einbindung in den mit nicht reliefierten, scheibengedrehten Becher- oder Napfkacheln besetzten Feuerkasten.8

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2022


Literaturverzeichnis

Ackermann, Catrin; Rosmanitz, Harald (2006): Von wohliger Wärme und Energiesparern. Der Becherkachelofen von der Ketzelburg. In: Harald Rosmanitz (Hg.): Die Ketzelburg in Haibach. Eine archäologisch-historische Spurensuche, Neustadt a. d. Aisch, S. 85–91.

Alexandre-Bidon, Danièle (2000): Le poêle. Une histoire en images (fin XVe – XVIIe siècle). In: Annick Richard; Jean-Jaques Schwien (Hg.): Archéologie du poêle en céramique du Haut Moyen Âge à l’époque moderne. Technologie, décors, aspects culturels. Actes de la table ronde de Montbéliard 23-24 mars 1995 (Revue Archéologique de l´Est 5), Dijon, S. 193–207.

Baeumerth, Karl (2004): „Ofendippen“ in Hessen. In: Fornax. Forschungen zu historischen Heizanlagen (1), S. 5–11.

Bedal, Konrad (1972): Ofen und Herd im Bauernhaus Nordostbayerns. Eine Untersuchung der älteren Feuerstätten im ländlichen Anwesen des östlichen Franken und der nördlichen Oberpfalz (Beiträge zur Volkstumsforschung 20), München.

Bedal, Konrad (2007): Alte Feuerstätten im Bauernhaus Nordbayerns. Letzte Spuren um 1970. In: Ulrich Klein (Hg.): Küche – Kochen – Ernährung. Archäologie, Bauforschung, Naturwissenschaften (Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 19), Paderborn, S. 11–24.

Elsenheimer, Jürgen (2020): „Menzcher kacheln“. Ofenkacheln meist originär aus dem mainzischen Dieburg. Ein Beitrag zur Geschichte des Kachelofens im Allgemeinen vom 12. bis 16. Jh. mit Schwerpunkt auf gotischen Kacheln und Öfen aus den mittelalterlichen Verbraucherregionen Südwestdeutschlands und seiner Randgebiete. (masch. Manuskript), Mainz.

Franz, Rosemarie (1981): Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus. 2. verb. u. verm. Aufl., Graz.

Grimm, Gerald Volker (Hg.) (2011): Kleine Meisterwerke des Bilddrucks. Ungeliebte Kinder der Kunstgeschichte. Handbuch und Katalog der Pfeifentonfiguren, Model und Reliefdrucke, Büchenbach.

Henkel, Matthias (2012): Abbild oder Sinnbild? Kachelöfen in historischen Bildquellen als Grundlage von Ofenrekonstruktionen. In: Eva Roth Heege (Hg.): Ofenkeramik und Kachelofen. Typologie, Terminologie und Rekonstruktion im deutschsprachigen Raum (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 39), Basel, S. 151–167.

Hütt, Wolfgang (1988): Albrecht Dürer. Das gesamte graphische Werk. 1: Handzeichnungen. 2. Aufl., München.

Kaltenberger, Alice (2009): Grundlagen. Keramik des Mittelalters und der Neuzeit in Oberösterreich (Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich), Linz.

Kluttig-Altmann, Ralf (2014): Auf breiter Basis. Fundanalysen aus Wittenberg. In: Harald Meller (Hg.): Mitteldeutschland im Zeitalter der Reformation (Forschungsberichte des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 4), Halle an der Saale, S. 177–192.

Kotlewski, Tina (2017): Heizsysteme. In: Tina Kotlewski (Hg.): Aus Ton und Sand. Mönch und Nonne, Fabelwesen. Baukeramik im Kloster Lorsch. 1. Auflage, Lorsch, S. 51–60.

Kypta, Jan; Žegklitz, Jaromír (2017): Gotické a renesanční kamnářstí v českých zemích. In: Sylva Antony Čekalová; Jitka Šrejberová (Hg.): Svět kachlových kamen. Kachle a kachlová kamna severozápadních Čech, Mostě, S. 20–39.

Laudel, Katja (2007): Feuerherd, Kamin und Ofen. Kochstellen im brandenburgischen Bauernhaus des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 19, S. 137–146.

Leib, Sarah (2013): Ofenkeramiken aus dem Vorarlberg Museum. Eckpunkte der Kachelentwicklung dargelegt anhand ausgewählter Ofenkacheln der Studiensammlung. In: Jahrbuch Vorarlberger Landesmuseumsverein, S. 120–137.

Prüssing, Peter (2013): Mittelalterliche und frühneuzeitliche Ofenkacheln aus Dieburg. Ein Beitrag zur Geschichte des Kachelofens. In: Winfried Wackerfuß (Hg.): Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes und seiner Randlandschaften VIII, Breuberg/Neustadt, S. 241–300.

Rosmanitz, Harald (2015): Die Ofenkacheln vom Typ Tannenberg. Eine spätgotische Massenproduktion im Spannungsfeld von Produzent und Konsument. In: Stefan Hesse; Tobias Gärtner; Sonja König (Hg.): Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan zum 65. Geburtstag (Alteuropäische Forschungen NF 7), Langenweißbach, S. 355–373.

Soukupová, Markéta (2021): Litinové kamnovce 18. století ze sbírek muzeí v Ústeckém kraji. [Wasserpfannen aus dem 18. Jh. in den Museen der Aussiger Region]. In: Památky příroda 53, S. 70–89.


 

  1. Kluttig-Altmann 2014, S. 182-186
  2. Zur Rolle des Kachelofens bei der Speisen- und Warmwasseraufbereitung: Baeumerth 2004; Bedal 1972, S. 143-157; Bedal 2007; Laudel 2007; Soukupová 2021
  3. Kaltenberger spricht von „Ofeneinschubrahmen“ (Kaltenberger 2009, S. 638-640, 747, Abb. 562-564).
  4. München, Bayerische Staatsbibliothek, Lat. 23256 (u.a. bei Ackermann/Rosmanitz 2006, S. 85; Alexandre-Bidon 2000, S. 196; Henkel 2012, S. 153, Abb. 245; Kotlewski 2017, S. 57, Abb. 65; Kypta/Žegklitz 2017, S. 21, Abb. 1; Leib 2013, S. 122, Abb. 1; Prüssing 2013, S. 263, Abb. 7)
  5. Federzeichnung von Albrecht Dürer: Wappen mit Mann hinter dem Ofen, Rotterdam Museum Boijmans Van Beuningen (Hütt 1988, S. 60). Dazu auch Franz 1981, S. 65
  6. H. 42,8 cm, Br. 29,2 cm (Elsenheimer 2020, S. 205-206, Kat.-Nr. 88)
  7. Grimm 2011, S. 47, Abb. 16.2
  8. Rosmanitz 2015, S. 364, Abb. 10